Anbindevorrichtung und Box

Das Anbinden des Hundes oder der Boxenaufenthalt über einen gewissen Zeitraum ist ein leidenschaftlich diskutiertes Thema, das Emotionen schnell hochkochen lässt. Ist es einfach nur ein Wegsperren oder in einigen Fällen sinnvoll?

Vorweg: relevant ist der Grund für die Verwendung dieser Methode. Einen Hund zur Strafe in die Box zu schicken oder anzubinden, hat nichts mit dem eigentlichen Sinn zu tun. Wer einen Hund wegsperrt, um Fehlverhalten zu unterbinden, statt an der Ursache zu arbeiten, handelt in meinen Augen sogar tierschutzrelevant.

Mit einer Boxenruhe oder Anbindevorrichtung kann dem Hund geholfen werden, seinem natürlichen Ruhebedürfnis nachzukommen. Vor allem bei Hunden, die es alleine nicht (mehr) schaffen.

Das Eingehen auf die Bedürfnisse des Hundes stärkt die Bindung und Beziehung. Dem Bedürfnis nach Auslastung gehen die meisten Besitzer sehr gerne nach. Doch das Ruhebedürfnis findet häufig zu wenig Beachtung. Dabei ist die Ruhezeit besonders wichtig, um Reize zu sortieren, sich zu entspannen und den Organismus runterzufahren. Mangelnde Ruhe führt bei jedem Säugetier zu negativen Auswirkungen: Nervosität, allgemeine Unruhe, schnelles Hochfahren in Alltagssituationen, bei längerem Ruhe-/Schlafentzug können auch psychische Krankheitsbilder auftreten, wie Schizophrenie, Psychosen und Depressionen (siehe  Link). Ein Hund hat ein Ruhebedürfnis von 17-20 Stunden innerhalb eines Tages (Welpen und Seniorenhunde ruhen/schlafen sogar ca. 22 Stunden, wenn ihnen die Ruhemöglichkeit eingeräumt wird).

Einen hyperaktiven Hund mit einem höheren Maß an (körperlicher) Auslastung beruhigen zu wollen, ist also kontraproduktiv. Die Frage ist in solch einem Fall: schafft der Hund es noch, allein zur Ruhe zu kommen? Wenn nicht, kann eine „Zwangsruhe“ helfen, den Hund in seinem so wichtigen Ruhebedürfnis zu unterstützen und den Biorhythmus wieder auf längere erholsame Phasen einzustellen. Nicht nur hyperaktive Hunde, auch Hunde mit Kontrollwahn können schlecht entspannen. Wenn Hunde in einer Dauerschleife des Kontrollierens festhängen, ist auch hier Unterstützung seitens der Besitzer notwendig.

Warum reicht es nicht aus, einen „Kontrolletti“ oder hyperaktiven Hund einfach auf den Platz zu schicken?

Einen Hund, der nicht von allein zur Ruhe kommt oder kontrollieren möchte, kämpft auch auf seinem Platz mit dem Impuls wieder aufzustehen. Dieser innere Kampf führt nicht zu einem ruhigen Organismus. Ist jedoch der Biorhythmus erst an echte Ruhezeiten gewöhnt, wird der Hund auch von allein diese Zeiten einhalten (wollen) und freiwillig den Ruheplatz aufsuchen.

Box oder Anbindevorrichtung?

Die Box kann auch außerhalb jeder Ruhezeit für unsichere Hunde als Refugium dienen. Sie kann mitgenommen werden und im Urlaub, auf Autofahrten oder bei Freunden als sicherer Rückzugsort dienen. Für die anderen Hunde, denen eine Box als therapeutische Maßnahme helfen soll, kommt es auf die Schwere der Verhaltensproblematik und auf das Bedürfnis des Hundes an: ein Hund, der gar keine Reize mehr sortieren kann, kommt in einer von Reizen abgeschotteten Box eher zu Ruhe als an einer Anbindevorrichtung, ein Hund, der nur leichte Verhaltensproblematiken zeigt, sich aber unter Tischen und Stühlen (in „Höhlen“) wohlfühlt, nimmt auch die Box gerne an.

Für den Rest kommt eine Anbindevorrichtung in Frage. Vor allem die Kontrollettis kommen durch diese Form der kompromisslosen Bewegungseinschränkung zu mehr Entspannung.

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Wichtig ist der Aufbau dieser Ruhezone:

Die Box oder die Anbindevorrichtung soll für den Hund so positiv wie möglich aufgebaut werden. So kann zum Beispiel die Fütterung dort stattfinden. Im Zuge der Gewöhnung gibt es über einen gewissen Zeitraum nur auf diesem Platz Leckerlis. Wenn der Hund seine Box/ seinen Platz aufsucht, kann dort dann ein Kauknochen liegen. Während er kaut, wird er angebunden oder die Boxentür geschlossen. Noch bevor er den Knochen ganz aufgefressen hat, wird beiläufig (ohne Blick oder Worte) wieder abgeleint/ die Tür geöffnet. So wird einige Tage verfahren.

Jetzt kommt der schwierigere Teil: die Zeiten werden verlängert, der Mensch wendet sich in dieser Zeit einer für den Hund langweiligen Tätigkeit zu (Geschirrspülmaschine ausräumen, Haare föhnen, am PC arbeiten etc.). Hier kann es zu Abweichungen im Aufbau des Trainings kommen, da jeder Hund anders ist. Einige Hunde werden ein paar Minuten länger akzeptieren, andere werden anfangen zu widersprechen. Nun ist es wichtig, keine Diskussionen aufkommen zu lassen. Es gibt unterschiedliche Methoden, ein nicht erwünschtes Verhalten zu unterbinden. Einige Hundehalter arbeiten mit Klicker und Leckerli (ruhiges Verhalten wird geklickt und belohnt, das andere Verhalten ignoriert), andere arbeiten mit Abbruchsignalen (die Deutlichkeit der Abbruchsignale auf den Hund abstimmen!), in wenigen Fällen hilft auch ein schlichtes Ignorieren. Je nach Wesensstärke und Beharrlichkeit des Hundes kann alles in Frage kommen. Ein Hinweis aus meiner bisherigen Erfahrung: der Weg mit einer positiven Bestätigung bei richtigem Verhalten löst bei den meisten Hunden eine Erwartungshaltung aus. Gerade bei der Boxenruhe wäre das eine ungewünschte Entwicklung.

Sobald der Hund ruhig ist und einen tiefen Seufzer von sich gibt, kann ganz beiläufig abgeleint/ die Tür geöffnet werden. Bitte kein Loben oder Spielen direkt danach. Der Hund soll nicht gleich „losschießen“ und wieder voller aufgeregter Energie sein.

So können die Ruhezeiten weiter erhöht werden. Wie lange die Zeit insgesamt sein soll, ist individuell zu sehen. Zu beachten sind vor allem feststehende Ruhezeiten, damit der Biorhythmus sich darauf einstellen kann.

Fazit: Die Beweggründe für diese Methode sind wichtig. Ein sicherer Rückzugsort, richtig aufgebaut, kann für hyperaktive Hunde, stark kontrollierende Hunde und unsichere/ängstliche Hunde eine Hilfe sein, ihrem wichtigen Ruhebedürfnis nachzukommen.

HINWEIS: Es ist nur EIN Baustein in dem Kasten „Verhaltensmodifikation“. Bei einem verhaltensauffälligen Hund müssen natürlich noch weitere Maßnahmen beachtet und durchgeführt werden. Weiterhin sollte das intrinsische Bewegungsbedürfnis (Bewegung vom Hund aus kommend ohne externe Einflüsse wie Ball/Frisbee etc.) des Hundes erfüllt und auf eine gute Kopf-/Nasenauslastung geachtet werden.

Herzlichst, Ihre Vanessa Engelstädter

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