Die Sache mit der Dominanz und Rudelstellung

Noch immer geistert das Gespenst der Dominanztheorie beim Hund umher, im alten Gewand UND im neuen Gewand. Im neuen Gewand heißt es jetzt Rudelstellung, liegt aber der ähnlichen Theorie zu Grunde: sobald ein Hund geboren wird, steht seine hierarchische Stellung bereits fest. Früher sprach man von dem dominanten Hund oder dem nicht dominanten Hund, heute wird die Aussage verfeinert, in: Spitze des Rudels, vorrangiger Leithund (VLH, ein Eckhund), vorrangiger 2. Bindehund (V2, ein Bindehund), vorrangiger 3. Bindehund (V3, ein Bindehund), mittlerer Bindehund (MBH, ein Eckhund), nachrangiger 2. Bindehund (N2, ein Bindehund), nachrangiger 3. Bindehund (N3, ein Bindehund), nachrangiger Leithund (NLH, ein Eckhund), Ende des Rudels.

Dass der Hund in einem hierarchischen Gefüge lebt, möchte ich nicht abstreiten. Aber dass es mit der Geburt bereits beschlossen ist, stelle ich in Frage.

Cartoon Dominanz

Mensch und Dominanz

Dominanz ist eine Verhaltensweise. Jeder kann sich situativ dominant verhalten und seine Wünsche und Bedürfnisse versuchen durchzusetzen. Die Frage ist hierbei, wieviel Kraft hat der Durchsetzungsversuch? Und reicht diese Kraft aus, um den Gegenüber zu überzeugen?

Es kann zu drei Abläufen eines situativen Durchsetzungsversuchs kommen:

    1. Dem Gegenüber ist es unwichtig und er sieht keinen Nachteil für sich darin:

Meine Wünsche und Bedürfnisse werden durchgesetzt

    2. Der Gegenüber besitzt weniger Durchsetzungskraft und wenig überzeugendere Argumente:

Meine Wünsche und Bedürfnisse werden durchgesetzt

    3. Dem Gegenüber ist es wichtig und er besitzt mehr Durchsetzungskraft und überzeugendere Argumente:

Meine Wünsche und Bedürfnisse werden nicht durchgesetzt

Fazit: Es ist situations- und personenabhängig, ob wir uns durchsetzen können und wollen oder nicht. In den Dominanzstrukturen wird noch nach formaler Dominanz und nach situativer Dominanz unterschieden. Formal ist die langfristige Ausrichtung in einer ranghohen Position zu sein und zu bleiben (in einer Firma wäre das im Optimalfall der Chef). Situativ kann wie das Wort schon sagt, nach Situationen unterschieden werden (siehe Beispiel der drei Abläufe).

Als vierten Punkt kann man zumindest bei der menschlichen Kommunikation noch den Kompromiss aufzählen, den die meisten Menschen dann eingehen. In der Hundewelt gibt es allerdings eher klare Regeln als Kompromisse. Auch das sollten wir beachten.

Hund und Dominanz

Hier verhält es sich ganz ähnlich und lässt sich gut anhand eines Beispiels erklären.

Der Hund hat einen Knochen gefunden. Er möchte ihn natürlich behalten und nicht abgeben. Wir nähern uns dem Hund und wollen ihm den Knochen wegnehmen.

Wunsch und Bedürfnis des Hundes: „MEIN Knochen! Er ist lecker und es macht Spaß den zu kauen“

Wunsch und Bedürfnis des Besitzers: „Wer weiß, was das für ein Knochen ist, nachher ist er vergiftet oder mein Hund verletzt sich an dem Knochen, ich werde ihm den wegnehmen“

Hier können wir jetzt die drei oben aufgeführten Punkte übernehmen. Da es dem Hund wichtig ist, den Knochen zu behalten, wird er ihn nicht einfach so freiwillig abgeben, es sei denn der Besitzer hat die besseren „Argumente“ oder besitzt mehr Durchsetzungskraft. Jetzt gibt es an dieser Stelle Hunde, die recht schnell aufgeben und Hunde, die noch länger „diskutieren“ wollen. Habe ich einen durchsetzungsstarken Hund an meiner Seite, werde ich langfristig nur durch formale Dominanz etwas erreichen.

Ist dieses Verhalten angeboren?

JA und NEIN.

Ja, die Hunde kommen mit einem gewissen Potential auf die Welt.

Man kann sich das ganz gut, wie ein Haufen leerer Luftballons vorstellen, die mit verschiedenen Charaktereigenschaften beschriftet sind. Werden die Luftballons aufgrund der Umwelterfahrung mit Luft gefüllt, ist die Charaktereigenschaft stärker ausgeprägt, wird der Luftballon nicht mit Luft gefüllt, ist sie nur schwach ausgeprägt.

Nein, nur wenn der Hund die passenden Umwelterfahrungen macht, können sich bestimmte Eigenschaften auch entwickeln.

Es gibt sicherlich grundsätzlich schwache Hunde, doch treffen diese auf einen noch schwächeren Gegenüber, sind sie plötzlich nicht mehr so schwach. Es gibt auch starke Hunde mit viel Durchsetzungskraft, aber diese Hunde brauchen die Erfolge, um darin zu wachsen. Wenn ein starker Hund als Welpe und Junghund bei einem Knochen lernt, „ich knurre, der Besitzer weicht zurück und ich kann den Knochen behalten“, wird der Hund diese Verhaltensweise öfter und mit steigender Vehemenz bei dem Durchsetzen seiner Wünsche und Bedürfnisse zeigen.

Dominanz, Rudelstellungen und Hierarchien sind Entwicklungsprozesse und Handlungsketten, die nicht starr sind. Allerdings kann und sollte ich als Hundebesitzer auch nicht für ein starres Hierarchiesystem sorgen, sondern vor allem für ein KLARES Hierarchiesystem. Klar sollte sein, dass der Hundebesitzer der Kapitän des Schiffes „Hundeleben“ ist und das Schiff sicher und umsichtig im Sinne aller Beteiligten durch die Gewässer lenkt. Falls nicht, übernimmt eventuell  der Hund das Steuer und die Frage wäre dann, ob die Fahrt noch sicher und umsichtig ist.

Danke für die Aufmerksamkeit.

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Hinten ist alles in Ordnung!

Quelle der Karikatur: www.wlwks.de

2 Gedanken zu „Die Sache mit der Dominanz und Rudelstellung

  1. Miriam

    Hallo, ich fand diesen Artikel sehr interessant! Mich würde jetzt natürlich noch interessieren, wie man einem durchsetzungsfähigen Hund nun den Knochen abnehmen (bzw tauschen?) würde.

    Viele Grüße
    Miriam

    Antworten
    1. Vanessa Engelstädter Beitragsautor

      Hallo Miriam,

      danke für Dein Feedback. Die Frage wäre, ob man sich wirklich auf ein Tauschgeschäft bei einem durchsetzungsstarken Hund einlassen sollte… Je nachdem wie durchsetzungsstark und vielleicht sogar schlau Dein Hund ist, kann er diesen Tausch gerade zu einfordern, bzw. nicht mehr tauschen, wenn Du nichts Höherwertiges anbietest.

      Wobei es aber auch die Möglichkeit gibt, Deinen Hund positiv zu bestätigen, nachdem Du Dich durchgesetzt hast. Wie das im einzelnen aussehen kann, ist situations- und persönlichkeitsabhängig.

      Woran machst Du fest, dass Du einen durchsetzungsstarken Hund hast? Wie alt ist der Hund? Gibt es ein Verhalten, was Dir Sorgen bereitet?

      Wenn Du möchtest, kannst Du mich auch gern dazu einmal anrufen. Meine Handynummer ist 0170 -2948212.

      Herzlichen Gruß, Vanessa Engelstädter

      Antworten

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