Junkieverhalten bei Hunden

Jeder kennt sie, die Hunde die auf Hundewiesen, in Hundeparks oder auf einem freien Feld den Wurfgeschossen und Frisbees hinterherhetzen: den Blick voll und ganz auf den Gegenstand gerichtet, der Hund vibriert vor Anspannung, dann fliegt er förmlich dem Gegenstand hinterher. In wenigen Fällen eine körperliche Auslastung, die nicht schadet, da sie nur gelegentlich durchgeführt wird, der Hund nicht zum rauschhaften Verhalten neigt und der Mensch noch im Mittelpunkt steht. In vielen Fällen eine ungesunde, den Organismus und dem Verhalten schädigende Tätigkeit. Als Hundetrainerin sehe ich häufig die Nebenwirkungen bei diesem „Spiel“, vorrangig bei verhaltensauffälligen Hunden. Die langfristige entstehenden Nebenwirkungen sind unter anderem:

  • Ruhelosigkeit / Hyperaktivität
  • schlechte Impulskontrolle/ wenig Selbstregulation
  • extremes Reagieren auf Bewegungsreize (Jogger, Fahrradfahrer, Skater etc.)
  • situationsunangemessenes Verhalten (reagiert oft übertrieben)
  • übersteigertes Aggressionsverhalten
  • wenig ausgeprägte Bindung an den Besitzer
  • fehlgeleitete Wahrnehmung der Umwelt/ Tunnelblick
  • manisches Schatten oder Licht jagen
  • bis hin zu Zwangsneurosen (z.B. extremes Pfoten lecken), Stereotypien (z.B. kreiseln oder die Rute jagen) und schizophrenem Verhalten (z.B. Unsichtbares anbellen oder sich plötzlich Erschrecken, ohne dass ein Grund erkennbar ist)

Betroffen sind vor allem Hunde, die generell zu rauschhaften Verhalten neigen. Es ist nicht unbedingt nur rasseabhängig, sondern auch abhängig von der Persönlichkeit des Hundes. Treten die genannten Symptome ohne Junkietum auf, sollten bei dem Hund Krankheiten/Schmerzen durch einen Tierarzt abgeklärt werden. Ein Verhaltenstraining kann hier unterstützen.

Wie erkenne ich, dass mein Hund ein Junkie ist?

Es gibt einige Erkennungsmerkmale, die ein Junkiehund zeigt und die die Wichtigkeit des Balls oder der Frisbee für den Hund erkennbar machen:

  1. ein Fremder nimmt den Ball/die Frisbee schaut den Hund kurz an und geht vom Besitzer weg. Soweit, dass der Besitzer nicht mehr zu sehen ist. Folgt der Hund diesen Fremden mit dem Ball/der Frisbee oder geht er lieber zum Besitzer zurück?
  2. Wie oft „fragt“ der Hund im Alltag nach dem Ball? Wie ansprechbar ist er während des Ballspiels oder auf den Weg zu Spielfläche? Wie offen ist er für andere (für ihn interessante) Reize? Nimmt er die Umwelt noch wahr?
  3. Zeigt er einige der benannten Symptome?
  4. Und daraus resultierend: an welcher Stellen steht der Ball/die Frisbee? Noch vor dem Besitzer und der Umwelt?

Wie kann es zu diesen Nebenwirkungen kommen?

Dazu sollte man den Organismus des Hundes unter die Lupe nehmen.

Jagd-, Renn-, Zerr- und Hetzspiele setzen einen glücklich machenden Hormonschwall frei, der Hund erlebt einen Rausch der Gefühle. Dopamin ist hier eines der am meistbeteiligten Hormone. Die Wirkung dieses Hormons ist sehr stark und kann sogar die Netzwerke im Gehirn verformen. Vor allem in dem Bereich des Gehirns, in dem situationsangemessene Verhaltensweisen gesteuert werden. Kommt es über einen längeren Zeitraum zu einem häufigen Dopaminrausch, kann sich aus diesem Grund das gesamte Verhalten des Hundes verändern. Der Hund reagiert „unangemessen“ auf bestimmte Reize. Zum Beispiel mit übersteigertem Aggressions-, Stress- oder Angstverhalten. Die Vermutung liegt nahe, dass Junkies im Bereich der Epigenetik (=Genveränderungen durch Umwelteinflüsse) die Anfälligkeit für Verhaltensauffälligkeiten vererben. Es heißt also nicht nur: einmal Junkie, immer Junkie, sondern auch die nachfolgenden Generationen werden von dem Junkietum beeinflusst.

Dabei ist dieser Rausch in der Welt der Hunde durchaus sinnvoll und wurde von der Natur schlau eingesetzt:

Für den Wolf ist die Jagd nicht immer mit einem Erfolg gekrönt. Das würde sich demotivierend auswirken, wenn hier nicht der glücklich machende Hormoncocktail greifen würde. Dieser sorgt dafür, dass der Wolf Glück und Lust beim Jagen und Hetzen empfindet. Beim erwachsenen Wolf kommt hinzu, dass er mit seinen Kräften haushalten muss, um zu überleben. Er kann und darf kein junkiehaftes Verhalten zeigen. Lediglich die juvenilen Wölfe besitzen noch den Überschwang und haben noch nicht die Reife, ihre Kräfte bewusst, nur für die wichtigen Angelegenheiten, einzusetzen. Auch wenn der Wolf ähnlich weit von dem Hund entfernt ist, wie der Schimpanse vom Menschen, gehört das Jagdverhalten in diese ursprüngliche Welt.

Dieses Jagd- und Hetzverhalten wird durch das Wurfspiel mit unseren Haushunden, man könnte sagen: den juvenilen Wölfen, nachgeahmt. Für viele Hunde sieht der Alltag so aus: morgens eine Runde raus zum Lösen und Neuigkeiten abschnuppern, danach gehen die Besitzer zur Arbeit. Nach dem Feierabend sollen die Hunde nun richtig ausgelastet werden. Für stundenlange Spaziergänge fehlt häufig die Zeit und manche Hundebesitzer kennen auch keine weiteren Auslastungsmöglichkeiten als diese. Also: raus auf die Wiese und mit Frisbee, Ball, Kong o.ä. den Hund „auslasten“. Abends dann noch eine Abendrunde. Am nächsten Tag wieder das gleiche Programm. Eine schlechte Absicht ist hier nicht zu erkennen, doch leider das fehlende Bewusstsein oder die Kenntnis, wie sich dieses Verhalten auf die Hunde auswirken kann.

Bei einigen Rassen wurde bewusst eine große Ausprägung des Selbstbelohnungszentrum im Gehirn züchterisch gefördert. Diese Hunde sind leichter zu trainieren, weil die Tätigkeiten an sich für sie schon selbstbelohnend sind. Zum Beispiel einige Arbeitshunde: Hütehunde, Ladrador, Terrier und auch Schäferhunde (ganz vorn mit dabei: Malinois und Herder). Oder Rassen wir Bulldoggen, die sich sehr gut in einen Rausch reinsteigern können. Hier fällt das Junkieverhalten auf besonders fruchtbaren Boden.

Glücklich machende Hormone sind auch per se nicht schlecht, nur ein zu viel und ein zu häufig ist negativ zu werten. Es kommt zu einem Suchtverhalten und damit auch zu Entzugserscheinungen bei dem Nichterhalten der „Droge“. Die äußern sich bei jedem Hund unterschiedlich, aber in keinem Fall positiv.

Die Junkiehunde haben in den meisten Fällen ein großes Problem mit dem Regulieren ihres Erregungssystems. Konfliktfähig sind diese Hunde nicht. Das führt zu Stress, Stress schüttet vermehrt Cortisol aus und greift langfristig die inneren Organe an. Cortisol ist zwar ein überlebenswichtiges Hormon, doch auch hier gilt: ein Zuviel hat negative Auswirkungen. Der Hund kommt nicht mehr zu Ruhe. Ein Teufelskreis entsteht hier, mit den bereits oben benannten Nebenwirkungen.

Dabei gibt es viele sinnvolle Beschäftigungen für den und mit dem Hund. Nasenarbeit und Kopfarbeit lasten einen Hund sehr gut aus. Die ebenfalls notwendige körperliche Bewegung kann ganz schlicht und einfach auf immer unterschiedlichen Routen für Spaziergänge ausgelebt werden. Spaziergänge brauchen keine Extrabeschäftigung. In der von uns Menschen kaum nachvollziehbaren Nasenwelt der Hunde, ist jeder Spaziergang schon aufgrund der Gerüche Erlebnis genug. Und wenn bei kontaktfreudigen Hunden noch gelegentlich ein innerartliches Spiel mit einfließt, reicht es aus um einen glücklichen und zufriedenen Hund zu haben.

Besitzt man einen Hund, der die benannten Verhaltensauffälligkeiten zeigt, kann hier ein guter Hundetrainer mit einem umfassenden Trainingskonzept helfen. Dieses Konzept sollte vor allem einen wichtigen Punkt enthalten: Ruhe, Ruhe, Ruhe (als Tipp, siehe Artikel Anbindevorrichtung und Box). Was sich einfach anhört, ist für diese Hunde häufig am schwierigsten. Denn Ruhe will gelernt sein.

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Herzlichst,

Ihre Vanessa Engelstädter

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