Kind und Hund

Kind und Hund kann eine wertvolle Verbindung sein, in der beide Seiten eine Menge voneinander lernen und die Nähe genießen können.

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Hier wird die Nähe von allen Beteiligten genossen.

Doch leider nicht immer.

Es gibt Hunde, die nette und respektvolle Kinder beißen und es gibt Kinder, die nette und respektvolle Hunde drangsalieren. Es gibt Unfälle, aus Missverständnissen entstanden, bei denen keiner von Beiden den Hauptanteil der Schuld trägt.

Alle Fälle haben eine Gemeinsamkeit: es hätte bereits vorher seitens der Erziehenden, Anleitenden, Federführenden und Verantwortungsinhabern (der Hunde UND Kinder) eingegriffen werden können.

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Eindeutige Signale seitens des Hundes, hier muss rechtzeitig eingegriffen werden.

Ich kenne aus meinem Hundetraining und den Analysen Konstellationen, bei denen der Hund und das Kind ein sehr gut aufeinander abgestimmtes Team sind, von dem sich die Eltern im Sinne des Sender-Empfänger-Prinzips eine Scheibe abschneiden können. Das Gegenteilige erlebe ich auch:

Eifersucht ist vorhanden, Hierarchien sind nicht strukturiert und/oder es fehlen klare Grenzen. Es gibt hyperaktive Kinder, die sich zusammen mit hyperaktiven Hunden hochpushen. Kinder, die Grenzen überschreiten und Hunde als Ablassventil oder zum dauerhaften Zwangsbekuscheln benutzen. Ich erlebe auch starke Hundepersönlichkeiten, die sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen lassen und das mit hündischer Kommunikationen zum Ausdruck bringen (knurren, Zähne fletschen, abschnappen) und Hunde, die Kinder maßregeln und korrigieren, wenn aus ihrer Sicht etwas nicht passt (das kann auch schon das laute Spielen und Rennen von Kindern sein!).

Vor allem erlebe ich Eltern in Sorge.

Die schlechte Nachricht ist: „Ja, Hunde können zubeißen. Sie haben 42 Zähne und können damit Schaden anrichten.“, die gute Nachricht ist: „Häufig setzen die Hunde ihre Zähne nicht ein. Und jeder einzelne kann eine Menge dafür tun, dass es nicht soweit kommt.“

Ganz polemisch könnte man sagen: wenn die Statistik zu Misshandlungen (und daraus entstehenden Todesfällen) mit der Beißstatistik (und daraus entstehenden Todesfällen) in der Relation verglichen wird, stellen Eltern für Kinder die weitaus größere Gefahr dar als Hunde. Trotzdem ist jeder einzelne Beißvorfall einer zu viel und hätte vermieden werden können.

Prävention ist hier wichtig. Als Prävention ist das Anpassen an die Umwelt (=Sozialisierung) zu nennen, das Herstellen einer klaren hierarchischen Ordnung, feste Regeln und Grenzen für beide Seiten (=Erziehung) und das Beachten der Bedürfnisse und der Kommunikationssignale (=Beziehung). Die Besitzer eines Hundes sollten erkennen, wann es einem Hund zu viel wird und er Ruhe braucht oder wann er eine Korrektur benötigt, die Basis ist das Lesen des Verhaltens seines Hundes. (weitere Infos dazu: Die Bedürfnisse des Hundes )

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Diese Hündin ist in der Familie aufgewachsen, aber von der Persönlichkeit her eher schüchtern und wenig selbtsicher. Durch die Sozialisierung hat sie gelernt die Nähe von Kindern auszuhalten. Trotzdem zeigen die Signale, dass sie diese plötzliche Umarmung nicht genießt.
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Sucht die Hündin selbstständig die Nähe der Kinder. können alle Beteiligten diese auch genießen.

Jeder Hund ist in seiner Persönlichkeit anders. So zeigt der schüchterne Hund eher eine Überforderung im sozialen Kontakt mit übereifrigen Kindern, während dem sozial stabilen Hund Trubel und enger Kontakt nichts ausmacht. Pauschale Aussagen, wie sich Eltern im Umgang mit Kind und Hund verhalten sollen, sind daher schwierig ohne die Umstände und den Hund zu kennen.

Eine gute Sozialisierung ist wichtig. Ein Hund, der die „seltsamen“ Verhaltensweisen eines Kindes als etwas Alltägliches erlebt, wird später weniger Probleme damit haben. Hunde sollten von Anfang an lernen, sich in der menschlichen Welt einzufügen. Dazu gehört auch: dass Hände mal auf den Kopf tätscheln, der Tierarzt/ Besitzer den Hund untersucht, Zecken entfernt und Pfötchen angehoben werden etc. All das kann auch ein Kind unter Anleitung eines Erwachsenen bei einem verhaltensunauffälligen Hund vornehmen. Immer die Signale des Hundes beachtend und währenddessen mit Leckerlis (Futter- oder Leberwursttube) und Lob die Situation entspannen, so dass eine positive Verknüpfung entsteht.

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Hier wird unter Aufsicht der Eltern Tierarzt gespielt, mit viel Lob und Leckerlis.

Die Aussage, Hunde müssen sich von keinem Fremden anfassen lassen und aus Respekt nicht auf dem Kopf gestreichelt werden, halte ich für fahrlässig. Denn unsere menschliche Umwelt wird sich nicht der hündischen Welt anpassen. Es wird immer Kinder geben, die auf Hunde zurennen, Menschen, die Hunde auf den Kopf tätscheln und Tierärzte, die Hunde untersuchen müssen. Da ist es besser, wenn der Hund solche Situation erlebt hat und sie möglichst positiv verknüpft. Der Ansatz sollte immer sein, dem Hund die menschliche Welt zu erklären und nicht der Welt (inklusive aller Nichthundebesitzer) den Hund zu erklären.
Trotzdem muss ein Hund keine „Dauerbekuschelung“ und „Zwangsbespaßung“ aushalten, er sollte nur im Falle eines Falles damit umgehen können und wissen, dass die Besitzer Konflikte klären.

Ein Hund lernt ein Leben lang. Wenn sensible Phasen, wie zum Beispiel die Welpenzeit, nicht optimal genutzt wurden, kann der Hund jederzeit dazulernen. Eventuell dauert es etwas länger, unmöglich ist es aber nicht. Der Hund ist ein sozial sehr anpassungsfähiges Tier.

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Optimal: der junge Ridgeback lernt unter Aufsicht der Besitzer ein Kleinkind kennen (den Geruchssinn des Hundes anzusprechen ist extrem wichtig, auch hier entstehen positive Verknüpfungen)

Spiel und Spaß mit Kind und Hund

Kinder spielen sehr gerne mit Hunden. Es ist eine gute Möglichkeit für die Kinder und Hunde zusammenzuwachsen. Ich empfehle generell Suchspiele mit Leckerlis, Free Shaping für kleinere Kinder und Trick Dog für größere Kinder. Wenn zwischen dem Kind und dem Hund alles im grünen Bereich ist, der Hund ebenfalls keine Ängste oder Ressourcenaggressionen zeigt, können weitere Spiele hinzukommen. Auch Dog Dance ist eine schöne Möglichkeit der Auslastung.

Bei sehr ruhigen, netten Hunden und respektvollen, netten Kindern können auch Zerrspiele in Frage kommen. In den meisten Fällen erlebe ich das Zerren als Machtkampf und rate davon ab. Generell sollte alles, was in den erzieherischen Bereich fällt, nur bei vorhandenen Kompetenzen seitens des Kindes durchgeführt werden.

Bei Hunden, die Ängste oder Befürchtungen haben, ist es eine gute Idee, sie die Leckerlis alleine aufsammeln zu lassen. So gibt es keinen sozialen Konflikt oder ein Ressourcenproblem. Der Hund geht zum Beispiel auf seinen Platz (durchgesetzt und evtl. abgesichert von einem Erwachsenen) und das Kind versteckt Leckerlis. Dann darf der Hund auf ein Startsignal des Kindes hin suchen und wird gelobt und „angefeuert“. Fängt die Rute an vor Freude (die Bewegung der Rute kann verschiedene Bedeutungen haben!) zu wedeln, ist die richtige Atmosphäre geschaffen.

Oder die Auslastungsmethode „Free Shaping“ wird mal ausprobiert. Durchgeführt wird es mit einem Klicker und vielen kleinen Leckerlis. Der Hund wird für alle Ideen, die er zum Beispiel im Umgang mit einem Gegenstand hat, geklickt und bekommt direkt nach dem Klick ein Leckerli. Oder der Hund wird für jedes „Nähe zur Person suchen“ geklickt. Es gibt keine feste Regeln, die Kindern können kaum etwas falsch machen. Sie müssen sich konzentrieren und der Hund darf, fern ab von allen Regeln, seine Ideen ausleben. Meiner Erfahrung nach ist das „Free Shaping“ eine der bisher sinnigsten Spiel- und Spaßform in der Kombination Kind + Hund. Empfehlenswert (und spaßig!) ist erst mal die Trockenübung, in der das Kind den Erwachsenen klicken muss (z.B.  in eine bestimmte Richtung), um ein Gefühl für das Timing und der Durchführung zu bekommen.

 

Zusammenfassend und für einen besseren Überblick kann dieses Diagramm helfen:

Kind und Hund Diagramm

Die häufigsten Gründe für einen Hundebiss und Präventionsmaßnahmen

Anmerkung: Wie bereits geschrieben, läuft es in den meisten Fällen zwischen Kind und Hund sehr harmonisch. Für die wenigen anderen Fälle, bei denen der Hund bereits ein leicht auffälliges Verhalten zeigt, sind diese folgenden Maßnahmen gedacht.

1. Ressourcen-Problem

häufigster Ort: der Esstisch

Brötchen/Wurst/Essen fällt runter, Hund liegt bereits unterm Tisch oder eilt hinzu, Kind greift ebenfalls nach dem runtergefallenen Essen. Hund beansprucht die Futterressource für sich und reagiert mit Aggression.

Ursachenbekämpfung:

  • klare Regeln und Grenzen in Bezug auf die Ressourcenverwaltung. Dem Hund sollte klar sein, dass wir die Ressourcenverwalter (inkl. Kinder) sind und jederzeit Anspruch auf das Fressen erheben können. Training mit Leckerlis (erst nach Freigabe nehmen), Abbruchsignal erarbeiten (Leckerli auch mal für sich beanspruchen), Futternapf während des Fressens hochheben, mit weiteren Leckerlis befüllen und wieder dem Hund geben (es sollte kein Konkurrenzkampf werden!) etc.
  • Den Esstisch als Tabuzone erklären. Während des Essens, liegt der Hund auf seinem Platz.

Schadensbegrenzung (Erstmaßnahmen)

  • Hunde nicht mehr am oder unter dem Esstisch liegen lassen. Wenn das „auf dem Platz bleiben“ noch nicht gewährleistet ist (ebenfalls durch Training), kann erst mal eine Anbindevorrichtung helfen. Hunde werden an der Anbindevorrichtung nicht von den Kindern bedrängt!

2. Bedrängen des Hundes durch das Kind

Hund wird bedrängt (durch „Kuscheln“, „Spielen“, Hinterherlaufen, obwohl der Hund durch den Rückzug zeigt, dass es ihm zuviel ist etc.) und wehrt sich auf „hündisch“ durch Knurren, Abschnappen, beißen. Aggression ist vorrangig ein Regulationsverhalten! Bei einigen Hunden erkennt man sofort, wann ihnen etwas zuviel wird, andere (die sogenannten B-Typen) sammeln Frust, bevor es zu einer Reaktion kommt. Hier ist es wichtig, seinen Hund zu kennen und die Kommunikationssignale zu beachten.

Ursachenbekämpfung:

  • klare Grenzen für Hund UND Kind. Dem Kind sollte klar sein, dass der Hund nicht bedrängt wird, dem Hund sollte klar sein, dass er nichts regeln muss, sondern die Erwachsenen den Konflikt regeln.
  • „Kenne Deinen Hund!“ Jeder Hund hat eine andere Persönlichkeit und andere Umwelterfahrungen gemacht. Es ist wichtig, seinen eigenen Hund lesen zu können, um angemessen zu reagieren.
  • Dem Kind das hündische Verhalten erklären. Welche Mimik zeigt der Hund, woran erkennen wir, dass es dem Hund zuviel wird, Rückzug bedeutet den Hund in Ruhe lassen etc.
  • Dem Hund einen Rückzugsort zur Verfügung stellen. Es sollte ein Ort sein, der von Besuchern nicht stark frequentiert wird und als Tabuzone für die Kinder gelten.

Schadensbegrenzung (Erstmaßnahmen)

3. Eifersuchtsproblem

Es fällt eigentlich auch unter „Ressourcenproblem“, sollte aber noch mal extra erwähnt werden. Anfällig sind Hunde, die vor den Kindern da waren und eine ganze Zeit lang die  volle Aufmerksamkeit genoßen haben oder auch Hunde der Großeltern (Verwandte), die die Liebe und Aufmerksamkeit plötzlich und nur zeitweise mit einem Kind teilen müssen.

Ursachenbekämpfung

  • klare Regeln: wenn mit dem Kind gekuschelt wird, darf der Hund nicht dazwischen gehen. Das sollte häufig trainiert werden. Geht der Hund weg, kann es ein angemessenes (-> dem Hund angepasstes) Lob geben. Der Hund bekommt seine Kuscheleinheiten natürlich weiterhin (nach Einladung von den Besitzern, nicht umgekehrt). Eventuell mit Ritualen und klaren Start- und Endsignalen belegen.

Schadensbegrenzung (Erstmaßnahme)

  • Kind und Hund klar trennen. Beide nicht alleine in einem Raum lassen. Den Hund unter Kontrolle bringen (evtl. Anbindevorrichtung).
  • Evtl. Maulkorb (-gewöhnung)

4. mangelnde Sozialisierung

Der Hund hat Kinder bisher kaum erlebt und kennengelernt oder negativ verknüpft.

Ursachenbekämpfung

  • Je nach Hund wird sich langsam und behutsam wieder an das Thema Kind rangetastet. Vorraussetzung ist es, von dem Hund als verlässlichen Bindungspartner wahrgenommen zu werden. Die Nähe der Kinder wird positiv verknüpft. Wieviel Nähe zugelassen wird, ist stark von dem Hund und dem Verhalten abhängig. Zum Beispiel können Kinder Leckerlis auf eine Wiese streuen, der Hund schaut zu und wird dann von den Kindern (auf Entfernung) zum Suchen aufgefordert. Der Besitzer geht mit dem Hund an der Leine mit. Die Kinder können den Hund anfeuern („anfeuern“ abgestimmt auf den Hund! Bei einem unsicheren Hund wird eher leise motiviert). Ruhe und positive Erlebnisse in der Nähe von Kindern schafft eine Verbindung. Kontraproduktiv ist Ball/Frisbee werfen und andere hochputschende Spielarten. Hier gibt es zuviel Aufregung und der Hund kann sich nicht in aller Ruhe mit dem Verhalten der Kinder auseinandersetzen. Im schlechtesten Falle sieht er die Kinder als Ressourcenkonkurrenten, wenn es um den Ball geht.
  • Die seltsamen Verhaltensweisen der Kinder kennenlernen, in entspannter Atmosphäre mit ruhigen Besitzern.
  • Auf die Individualdistanz und die Kommunikationssignale des Hundes achten. Ziel ist es, dass der Hund lernt Kinder auszuhalten (wie bereits geschrieben: die Hand kann auch mal auf dem Kopf tätscheln und dafür gibt es ein Leckerli) und positiv zu verknüpfen.

Schadensbegrenzung (Erstmaßnahme)

  • Kind und Hund klar trennen, voneinander abgrenzen.
  • Evtl. Maulkorb (-gewöhnung)
  • Ruhig bleiben in der Nähe von Kindern.

Herzlichst,

Vanessa Engelstädter

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