Trennungsangst

‏Eine Trennung von den Bindungspartnern ist für das hochsoziale Tier „Hund“ nicht normal und keine Selbstverständlichkeit. Unsere Hunde müssen erst den Umgang mit einer Trennung durch die Anpassung an unsere Umwelt (=Sozialisierung) lernen. Im Optimalfall in der sensiblen Lernphase der ersten Lebensmonate.

CIMG9615

Trennungen müssen erst gelernt werden!

Wer den Welpen jeden Tag ein paar Minuten alleine lässt („Müll rausbringen“) und diese Zeiten langsam steigert, schafft eine Normalität.  Ohne große Abschieds- und Ankunftszeremonien wird dem Welpen gezeigt, dass Frauchen/Herrchen immer wieder kommt. Je selbstverständlicher wir Menschen damit umgehen, desto selbstverständlicher wird es auch für den Hund.

Wurde dieser sanfte Einstieg verpasst, kann es je nach Hund zu Trennungsängsten/-unsicherheiten/-frust kommen, wenn eine Trennung plötzlich verlangt wird. Bei der Trennungsangst durch mangelnde Sozialisierung entstanden, kann durch ein Training Abhilfe geleistet werden. Eine Trennungspanik ist wesentlich schwieriger zu behandeln und erfordert ein an den Hund und Halter angepasstes Konzept. Eine Panik ist gekennzeichnet von einem sehr hohen Stresslevel, den der Hund zeigt. Speicheln, Hecheln, starkes Haaren, sich übergeben und/oder Durchfall können die körperlichen Merkmale sein. Zerstörungswut bis hin zur Selbstzerstörung (z.B. Pfoten wund knabbern) sind weitere Merkmale. Oft ist dieses Verhalten bei einer Trennung aus einem Trauma entstanden, welches in der Ursache bearbeitet werden muss.

Darüber hinaus spielen das Bindungsverhalten und der Erziehungsstil,  sowie der bisher erlernte Umgang mit Konflikten, die Umwelterfahrungen und Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle wie der Hund mit Trennungen umgeht.

Die hier folgenden Trainingstipps sind für trennungsängstliche/-unsichere Hunde gedacht.

1. Rituale schaffen

Gibt es ein Ritual, das dem Hund die Sicherheit gibt, dass der Besitzer gleich wiederkommt? Rituale können sein: Wäschekorb raustragen, Briefkastenschlüssel nehmen und zum Briefkasten gehen, Müll rausbringen etc.

Eventuell neue Rituale einführen, bei denen der Besitzer mehrmals am Tag ganz selbstverständlich (ohne verabschiedenden Blickkontakt oder übermässige Freude bei der Wiederkehr!) kurz weggeht und gleich wiederkommt.

20141011_1327562. den ersten Trennungsschmerz positiv belegen

Bevor der Besitzer das Haus/die Wohnung verlässt, wird dem Hund eine Kaustange gegeben oder Leckerlis in eine Suchbox neben der Tür geworfen. Der Kreativität ist hier keine Grenze gesetzt: gefüllte Kongs, zerknüllte Decken mit Leckerlis bestückt, Papprollen mit Leckerlis gefüllt etc. verschönern die Wartezeit und können gut kombiniert werden.

3. Zeiten ausbauen

Je nach Hund und Trainingserfolgen wird die Dauer der Trennung langsam gesteigert, z.B. erste Woche 10 Minuten, nächste Woche 15-20 Minuten, dann 20-30 Minuten, dann 1 Stunde usw.

4. Ankunft

Auch wenn es schwerfällt: auf die Knie zu sinken und mit dem Hund zusammen eine Ode an die Freude zu singen, sendet einem trennungsängstlichem Hund die falschen Signale. Bewusstes Ignorieren wäre allerdings auch der falsche Weg, da unsere schauspielerische Leistung von den meisten Hunden schnell durchschaut wird. Der bessere Weg ist es, wie selbstverständlich reinzukommen, in Ruhe erst mal seine Jacke auszuziehen, evtl. einen Kaffee/Tee zu machen (etwas SEHR Wichtiges zu tun haben!) und wenn die erste Aufregung abgeklungen ist, sich ganz ruhig dem Hund zu widmen. Ein „ganz bei sich sein“ trifft es gut. Für Menschen, denen auch das schwerfällt, empfehle ich mit einem interessanten Buch reinzukommen und sich dort für den Augenblick der ersten Freude des Hundes „festzulesen“. Rüpelige Hunde, die einen direkt ins Gesicht springen, können durch ein klares körpersprachliches Abbruchsignal zu mehr Respekt aufgefordert werden. Wichtig hierbei: den Hund nicht anschauen/ nicht in die soziale Konfrontation gehen (für manche Hunde ist negative Aufmerksamkeit auch Aufmerksamkeit), sondern einfach -ohne Wut/Frust- z.B. das Knie hochziehen. Die meisten Hunde sind intelligent genug, diesen Wunsch nach Respekt zu verstehen. Bei vielen Welpen empfehle ich einen sanfteren Einstieg. Hier wird vorweg mit positiver Verstärkung trainiert, dass es nur die Aufmerksamkeit gibt, wenn der Welpe sich mit allen vier Pfoten auf dem Boden befindet.

5. Trennungszeit

Die Trennungszeit sollte nicht zu lang sein. 5 – 6 Stunden halten Hunde, die ausgeglichen sind, gut aus. Längere Trennungszeiten sind nicht optimal. Ggf. sollte ein Gassiservice oder der Nachbar mal vorbeischauen und den Hund kurz rauslassen.

6. Räumlichkeiten

Wieviel und welche Räume hat der Hund zur Verfügung? Gerade Hunde, die gern kontrollieren, stresst eine große Anzahl von Räumen, die dann „bewacht/kontrolliert“ werden müssen. Manchmal ist ein kleiner Raum (Schlafzimmer, Küche o.ä.) oder ein Zimmerkennel (eine sehr große Box) besser. Je eher man den Hund an Aus- und Ruhezeiten ohne Erwartungshaltung gewöhnt, je entspannter verläuft die Trennung. Auch kann der Flur mit Sicht nach draußen bei bestimmten Hunden eher für Aufregung sorgen, als zur Entspannung beitragen.

Verhaltens- und Persönlichkeitsbedingte Tipps:

„Der Hund kennt bisher keine Abgrenzung und klebt immer an uns“ (Typ Kontrolleti)

Bevor mit dem Trennungstraining begonnen wird, sind in diesem Fall einige Vorabmaßnahmen zu treffen. Dem Hund wird erst mal innerhalb der vier Wände „erklärt“, dass eine Trennung auch hier erfolgen kann und nichts Schlimmes bedeutet. Entweder durch einen Taburaum (Küche oder Bad bei OFFENER Tür) oder durch eine klare Abgrenzung zum Beispiel beim Essen. Der Hund darf in dem Fall nicht unter dem Tisch liegen, sondern sollte auf seinem Platz sein. Im Optimalfall auch OHNE Sicht zu den Besitzern. So kann eine Trennung im kleinen Rahmen stattfinden, bevor es an die große Trennung geht. Klappt das „auf den Platz bleiben“ nicht, sollte erst mal an dem Thema „Durchsetzungskraft“ seitens der Besitzer gearbeitet werden (wohlwollend, deutlich und konsequent!)

„Der Hund zerstört aus Frust unsere gesamte Wohnung“ (Typ Frusti)

Auch hier im kleinen Rahmen anfangen, durch einen Taburaum oder einer klaren Abgrenzung zu bestimmten Zeiten. So kann der Hund schon einmal den Umgang mit Frust lernen. Ein Kauknochen kann den ersten Frustschub lindern. Einigen Hunden hilft es beim schrittweisen Steigern der Trennungszeiten, wenn sie nicht die komplette Wohnung für sich haben, sondern nur einen Raum, in dem ein paar Frustablenker liegen. Klappt alles nicht, kann eine Box, die groß genug ist, positiv antrainiert werden (weitere Infos: Link). Hier aber bitte tierschutzkonform bleiben: acht Stunden in einer Box ist definitiv zu viel. Außerdem sollte auf angemessene Bewegung/Auslastung (kein Junkieverhalten fördern!) geachtet werden. Im Alltag die Frustrationstoleranz prüfen und ggf. an einer Erhöhung arbeiten (Frust aushalten muss auch gelernt werden!).

„Der Hund bellt dauernd“ (Typ „Aufreger“, Typ „Melder“, Typ „Kontrolleti“, Typ „Frusti“)

Schaut er aus dem Fenster und „meldet“ jegliche Bewegung?
Dann bitte Jalousien/Rollos runter, so dass der Hund nicht mehr rausschauen kann und sich nicht mehr in der Verantwortung befindet, für Recht und Ordnung zu sorgen. Im Alltag ebenfalls prüfen, wieviel Kontrolle der Hund übernimmt. Ggf. durch ein Alltagstraining dem Hund die Verantwortung abnehmen.

Bellt er aus Frust?
Frustrationstoleranz trainieren, u.a. durch das oben beschriebene Training (auch innerhalb der eigenen vier Wände eine kleine Abgrenzung schaffen, kleinschrittiges Vorgehen beim Alleinebleiben). Weitere Frustrationsübungen täglich trainieren: Frust/Langeweile aushalten ist ein wichtiger Faktor für eine harmonische Mensch-Hund Beziehung. Wieviel Aufmerksamkeit bekommt er und wofür? Ein Hund, der lernt, dass die Blicke des Menschen immer bei ihm sind oder er nur Aufmerksamkeit bekommt, wenn er Unfug macht, wird es in anderen Momenten für sich nutzen und sie einfordern. Negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit.

Bellt er generell viel?
Hier sollte ein Alltagstraining (evtl. mit einem Hundetrainer) erfolgen. Dieses Training ist auch als Vorabmaßnahme zu sehen, bevor es an das eigentliche Problem geht. Oft ist es Aufregung, manchmal sind es Befürchtungen, Ängste oder aufmerksamkeitserhaschendes Verhalten. Bellen ist ein Ausdrucksverhalten, manche Rassen sind bellfreudiger als andere.

Von Anti-Bellhalsbändern, die sprühen oder vibrieren ist abzusehen. Zu ungenau ist die Anwendung, zu schnell reagieren die Hunde nicht mehr darauf oder bekommen sogar Angst. Aus meiner praktischen Erfahrung heraus, lassen die meisten Hunde das Bellen mit diesen Halsbändern nicht. Das Halsband bekämpft nicht die Ursache. Ist es Frust oder Angst oder Langeweile oder Aufregung oder Schmerzen oder… ?

„Wir haben keine geregelten Zeiten, mal ist er morgens alleine, mal abends“ (Typ „Beamter“)

Hunde sind sehr anpassungsfähig, manche können aber persönlichkeitsbedingt Unsicherheiten entwickeln, wenn der Alltag wenig Struktur hat oder mal etwas anders als sonst läuft. Haben sie hier Anpassungsschwierigkeiten sind Rituale (wie oben beschrieben) ein wichtiges Thema, sie geben Sicherheit und Beständigkeit.

„Uns tut der Hund jedes Mal leid, wenn wir ihn alleine lassen, es zerreißt uns fast das Herz, ihn beim Abschied so leidend zu sehen“ (Typ „Cleverdog“, Typ „Sensibelchen“)

Gerade die sensiblen Hunde spüren anhand von unserer Gestik, Mimik und damit auch von unseren Gedanken genau, was in uns vorgeht. Mitleid(en) kann da extrem kontraproduktiv sein. Ist es zudem ein schlauer Hund, kann er seine Blicke und sein Verhalten bewusst einsetzen, um uns zu manipulieren. Das ist keine böse Absicht, sondern ein extrem cleverer Schachzug, der das Überleben in freier Natur garantieren würde. Andere Hunde setzen diese Strategie nicht ein, aber merken anhand unseres Verhaltens, dass etwas nicht in Ordnung ist und reagieren darauf. Der Hund, der uns seit so vielen tausend Jahren begleitet, kann uns besser lesen, als alle anderen Lebewesen, von daher ist es umso wichtiger, dass wir Stimmungen und Haltungen vorleben! Ein Prise Optimismus ist ein guter Begleiter 🙂


In vielen Fällen ist das Problem „Trennung“ die Spitze des Eisbergs. Die eigentlichen Themen bzw. Baustellen liegen tiefer und können in der Persönlichkeit des Hundes, dem bisher Erlebten oder in der Erziehung/ Beziehung gefunden werden. Erst wenn die Ursache deutlich ist, kann nachhaltig daran gearbeitet werden.


Wie kann ich meinen Hund noch unterstützen?

Lerne Deinen Hund kennen und lesen. Welche Strategien nutzt er, um seine Wünsche durchzusetzen? Wer bewegt wen im Alltag? Reagiere ich nur oder agiere ich? Was braucht er, wie zufrieden ist er? Beruhigen ihn eher Massagen und Streicheleinheiten oder gibt Bewegung den Ausgleich? Vielleicht hilft auch anstrengende Kopf- und Nasenarbeit, den Hund zu beruhigen und zufrieden zu stellen? Oder ist er eher eigenständig und möchte nicht „umtüddelt“ werden? Helfen deutliche Grenzen, damit er nicht immer nachfragen muss? Jeder Hund ist anders und braucht etwas anderes. Ein zufriedener und ausgeglichener Hund kommt wesentlich besser mit Trennungen zurecht.

In einigen Fällen sollte auch geprüft werden, ob der Hund Schmerzen hat und sich dadurch, vor allem wenn er alleine ist, unwohl fühlt.

Weitere Hilfsmittel können sein:
Bachblüten (Rescuetropfen) haben sich bei einigen Hunden bewährt; Adaptil-Halsbänder oder Zerstäuber für die Steckdose; Lavendelduft wirkt auch bei Hunden nachgewiesen beruhigend; das Radio kann angelassen werden; vor der Trennung eine Runde spazieren gehen und/oder TellingtonTouch Massagen.

Trennungspanik, evtl. hervorgerufen durch traumatische Erlebnisse, sollte gesondert behandelt werden. Gute Hundetrainer oder Verhaltenstherapeuten eventuell zusammen mit Nahrungsergänzungsmittel für den Hund (in Absprache mit einem Tierarzt!) können hier helfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.