Wer ist eigentlich Paul?

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Auf dem Sofa, während ich mit meinen Hunden Oskar und Aimee eine Tüte Erdnussflips teile, sinniere ich über Trainingsmethoden, Hundeerziehung, Hundemenschen und menschliche Hunde. Unglaublich wie viele Parallelen die Welt der Vierbeiner und unsere aufweisen. Und wie wenig wir Menschen uns dann doch in die andere Welt einfühlen können.

Hundebesitzer, die nicht mehr weiter wissen, wenden sich an Hundetrainer. Die meisten davon sind mittlerweile gut ausgebildet. Sie kennen die Lerntheorien, sie wissen, um den richtigen Zeitpunkt beim Lob und bei der Korrektur, sie kennen sich sogar in der Neurobiologie und Genetik des Hundes aus. Sie lesen Studien, sie besuchen viele, viele Seminare und verfügen über ein großes fachliches Wissen zum Thema Hund. Auch das Thema „Mensch“ hat an Bedeutung gewonnen, so dass sie ebenfalls geschult sind im Umgang mit „schwierigen“ Menschen. Ein schöner Wissensschatz!

Doch dann klopft das praktische Leben an die Tür: Lisa Müller mit ihrem Hund.

Lisa hat ein paar Probleme: ihr Hund beißt. Leider auch Lisa. Ihr Hund mag keine anderen Hunde. Lisa schon. Ihr Hund möchte nicht, dass Lisa mit ihrem Freund kuschelt. Lisa schon.

Lisa startete eigentlich ganz gut in das Abenteuer „Hund“: sie hatte sich Welpenbücher gekauft, kannte die Rasse und holte den Hund von einem guten Züchter. Im Fernsehen hatte sie viel von Martin Rütter gesehen und wäre gern der Rudelführer, genau wie Cesar Millan. Sie nahm ihren vierbeinigen Freund überallhin mit, er sollte doch gut sozialisiert werden. Sie ließ ihn mit vielen Hunden zusammen, obwohl er zum Anfang eher unsicher im Kontakt war. Damit der Hund weiß, wo er in der Rangfolge steht, nahm sie ihn öfter das Futter weg (so hatte sie es mal im Fernsehen gesehen) machte er „Sitz“ bekam er es wieder. Aus dem Grund ging sie auch als erstes durch die Haustür.

Die ersten kleinen Probleme traten nach ein paar Monaten auf. Lisa durfte nicht mehr ans Futter, der Hund fing an zu knurren, draußen war er an der Leine kaum noch zu halten, schon gar nicht, wenn andere Hunde entgegen kamen.

Lisa entschied, dass jetzt der Besuch einer Hundeschule fällig ist. Der Werbespruch: „gewaltfreies, positives und individuelles Training mit Ihrem Hund“ sprach sie an. So lernte Lisa eine Menge in den Gruppenstunden der Hundeschule: es gab viele Leckerlis, es wurde geklickert und an Alternativverhalten gearbeitet. Es gab ein paar Fortschritte. Doch das Große und Ganze änderte sich nicht. Die Trainerin war der Meinung, Lisa ist nicht konsequent genug. Resigniert gab sie auf, sie war sich sicher, dass es an ihr liegt. Sie kann einfach nicht so konsequent im Alltag sein, dauernd vergisst sie den Klicker und ohne Leckerlis ist sie auch schon mal losgelaufen.

Der erste Beißvorfall folgte. Lisa wollte ihren Hund baden, weil er sich in Aas gewälzt hat. Er wollte nicht. Und so setzte er seine 42 Argumente ein. Der Gebissabdruck war auf der Haut zu sehen und es gab einen dicken blauen Fleck an der Hand.  Lisa war traurig und entsetzt. Ihr eigener Hund hat sie gebissen.

Das Verhalten des Hundes wurde schlimmer. Mittlerweile durfte Lisas Freund nicht mehr mit ihr auf dem Sofa kuscheln, ohne dass der Hund wütend dazwischen ging. Es wurden zwei weitere Hundeschulen aufgesucht. Einer der Trainer riet zu klaren Abbruchsignalen und klaren Hausstandsregeln. So wurde mit Wasserflasche, Wurfdiscs und vielen Regeln gearbeitet. Lisa fühlte sich dabei nicht gut, aber wollte, dass das aggressive Verhalten des Hundes nun endlich aufhört. Es gab feste Trainingspläne, an die sie sich konsequent halten sollte. Tatsächlich kamen erste Erfolge zustande: ihr Hund mied draußen die anderen Hunde und hing nicht mehr aggressiv in der Leine. Doch das Große und Ganze änderte sich nicht. Auf einer Familienfeier biss ihr Hund ein Kind, das auf ihn zugerannt kam und ihn streicheln wollte.

Wer war Schuld? Waren die Hundetrainer Schuld? Die Methoden? Oder Lisa? Oder vielleicht doch der Hund? Oder hätte das Kind einfach nicht auf den Hund zulaufen dürfen?

Gibt es überhaupt eine eindeutige Antwort auf diese Fragen?

Der Vorteil des hochsozialen Lebewesens Hund  ist die Anpassungsfähigkeit. Der Nachteil auch. Hunde passen sich den Umweltbedingungen und unseren emotionalen (In-)Stabilitäten an, sie finden Lücken in unseren Führ- und Sozialkompetenzen und suchen ihren Platz in unserem Leben. Manches von unserem gezeigten Verhalten wird von unseren Hunden ganz anders interpretiert, als wir es gemeint haben. Missverständnisse sind häufig vorprogrammiert (siehe auch „Das soziale Miteinander„).

Bei Lisa zogen schon recht früh Methoden und Regeln mit ein. In Deutschland gibt es eine recht klare Meinung, wie sich ein gut erzogener Hund zu verhalten hat und es gibt eine Menge Gesetze, die das regeln. Da Lisa sich so gut informierte, durch Bücher KEIN FUTTER VOM TISCH!!, durch das Fernsehen IMMER DEN FUTTERBEUTEL MIT RAUSNEHMEN, UM DEN HUND ZU BESCHÄFTIGEN!!, ZEIGE DEM HUND, DASS DU DER CHEF BIST!! und durch die sozialen Medien BARFEN, BLOSS KEIN TROCKENFUTTER!!, lernte sie eine Menge. Aber sie lernte eins nicht: ihren Hund Paul kennen. Paul ist ein toller Hund, doch er zog sich schon recht früh immer öfter zurück. Paul hat Unsicherheiten und Befürchtungen, die sich nach der Kastration, die von dem Tierarzt empfohlen wurde, noch verschlimmerten. Paul ist eher introvertiert und braucht etwas länger, um Situationen einschätzen zu können. Die Zeit hätte er oft gebraucht. Gerade in der Welpenzeit war Paul oft überfordert, wie Lisa nach genauem Nachdenken auffällt. Hinzu kam der Druck, den Lisa etwas verspannt auf Paul ausübte: „ich wollte nun einmal der Rudelführer sein, das ist doch so wichtig“, sagt sie. Lisa ist es auch sehr wichtig, mit dem Hund positiv aufzufallen und genauso wichtig ist ihr, was andere über sie denken.

Was wäre denn gewesen, wenn das Hunde“training“ bei Lisa und Paul nicht das Aneinanderreihen von Methoden und Regeln bedeutet hätte, sondern an 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr stattfindet? Mit dem eigenen, persönlichen Alltag, mit eigenen Emotionen und Erwartungen und der ganz eigenen Umwelt. Es würde nicht Hundetraining heißen, sondern „das Leben zusammen mit dem Hund“. Es würde nicht (nur) um die Erziehung gehen, sondern um die Beziehung.  Paul lesen, ihn verstehen und sich selber für Paul verständlich ausdrücken können und dabei noch seinen eigenen Standpunkt kennen, das Ziel vor Augen haben und der Fels in der Brandung sein. Alles nicht so einfach, doch so wertvoll für ein harmonisches Miteinander.

Fernab von Methoden und Trainingsansätzen geht es jetzt erstmal um ein Kennenlernen. Lisa soll sich kennenlernen: was möchte sie? Welche Erwartungen hat sie und welche Erwartungen hat ihre Umwelt? Müssen alle Erwartungen erfüllt werden, um glücklich zu sein? Welche Hemmprozesse und Glaubenssätze begleiten Lisa in ihrem Leben? Und wir lernen Paul kennen: was hält Paul eigentlich vom Futterbeutel? Und will er wirklich die Weltherrschaft an sich reißen, wenn er mit im Bett schläft? Tuen ihn „Grenzen setzen“ gut oder eher auflockerndes Motivieren? Welche Form der Unterstützung braucht Paul? Und wer ist eigentlich Paul?? (siehe auch „Jeder Hund eine eigene Persönlichkeit“)

Während ich auf dem Sofa sitze und mit meinen Hunden die von jeder Ernährungsphilosophie befreite Erdnussfliptüte teile, mache ich mir Gedanken…. Was wäre, wenn wir die Methoden, Regeln und Lerntheorien mal aus unseren Köpfen streichen und einfach fragen: „Hey Paul, was ist DIR eigentlich wichtig?“

Und warum ist das Teilen von unserem Essen mit unseren Hunden eigentlich keine eingetragene Trainingsmethode, es gibt doch so ein schönes Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Vielleicht ist es Paul wichtig nicht allein zu essen? 😉

Herzliche Grüße,

Vanessa Engelstädter

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