Arbeitslinie – Showlinie – Tierschutz

In letzter Zeit höre ich des öfteren bei verhaltensauffälligen Hunden: „Ja, der Tierarzt/ mein Nachbar/ die Bekannte/ der Hundetrainer sagt, das muss ein Hund aus der Arbeitslinie sein und deswegen verhält er sich so….“

Und es ist unerheblich, ob der Hund aggressiv, hyperaktiv oder auch extrem geräuschempfindlich ist, damit scheint sich alles zu erklären. Denn ein Hund aus der Arbeitslinie ist angeblich permanent unterfordert. Und diese Unterforderung kommt dann in den Verhaltensauffälligkeiten zum Ausdruck.

Wer Hunde aus einer Arbeitslinie einmal erlebt hat, stellt vor allem eines fest: souveräne, ruhige Hunde, die aber, wenn es gefordert wird, sofort loslegen (können). Denn in der Arbeitslinie zählt nur eines: das Wesen des Hundes. Bei diesen Hunden kommt es nicht auf das Aussehen an, sondern vor allem auf die Wesensstärke und auf bestimmte Charakterzüge, die diese Hunde brauchen um ihre Arbeit auszuführen.

Arbeitshunde sind auch nicht permanent im Einsatz, sondern haben viele Ruhephasen, manchmal sogar über Monate hinweg. In dieser Zeit gibt es keine extra Auslastung und die Hunde kommen damit gut zurecht. Nicht gut zurecht kommen diese Hunde allerdings, wenn eine souveräne Führung fehlt. Genau das kann zum Problem bei einem Arbeitshund als Familienhund werden. Statt das Augenmerk auf die Auslastung zu legen, sollte vor allem in der ersten Zeit viel an der eigenen Führkompetenz gearbeitet werden.

Anders verhält es sich in der Showlinie. Hier wird häufig nur nach dem Aussehen selektiert. Dort sind richtige Fellfarben mehr wert als ein ausgeglichenes Wesen. Aus dieser Züchtung gehen dann oft Hunde hervor, die immer noch die Motivation zum Arbeiten haben, aber kein stabiles Wesen (erhöhte Schreckhaftigkeit, unsicheres Verhalten etc.) besitzen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Züchter, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und auch auf den Charakter und auf Wesensstärke achten. Ich kann nur hoffen, dass es mehr werden.

Ein Hund wird zu 100% von der Genetik UND zu 100% vom Umweltverhalten geprägt. Das heißt, der Hund kommt mit einer genetischen Veranlagung auf die Welt, doch wie sich diese Veranlagung entwickelt wird durch seine Umwelterfahrungen gesteuert. So kann auch aus einem stabilen und souveränen Hund ein verhaltensauffälliger Hund werden und umgekehrt.

Besonders viele Verhaltensauffälligkeiten stelle ich bei Hunden fest, die von einem Vermehrer kommen. Dort wird kein Wert auf Charakter oder Wesen gelegt, genauso wenig wie auf Gesundheit. Zudem haben die Elterntiere viel Stress, der sich bereits im Mutterleib auf die Welpen negativ auswirkt. In den ersten wichtigen Lebenswochen bekommen diese Welpen keine positiven Einflüsse von außen. Solche Hunde bringen von der genetischen Disposition UND von der Umweltprägung her schlechte Voraussetzungen mit, um sich in den Alltag problemlos einzufügen. Obwohl ich hier auch anmerken muss: Hunde lernen ein Leben lang und auch ein Hund mit schlechten Voraussetzungen, hat noch Chancen ein ausgeglichenes Leben zu führen. Doch leider nicht jeder Hund. Viele Besitzer eines Herdenschutzhundes müssen damit leben, dass der Hund sich nicht dem Alltag anpasst, sondern der Alltag sich dem Hund anpassen muss. Auch ängstlichen und unsicheren Hunden kann ein gutes Hundetraining helfen, aber je nach genetischer Disposition, kann aus so einem Hund ein stabiler Hund werden oder einer, der sein Leben lang befürchtet ihm fällt der Himmel auf dem Kopf. Beim letzteren Typus Hund kann man als Besitzer und Hundetrainer nur trainieren, dass der Hund sich im Stress am Besitzer orientiert und nicht panikartig das Weite sucht.

Deswegen zwei Bitten:

1. Schaut genau hin beim Welpenkauf, schaut euch die Elterntiere und das Umfeld an. Generell: Finger weg von Billigwelpen!

2. Tierschutz ist enorm wichtig, aber er darf kein Wirtschaftsfaktor sein. Wenn Hunde lasterweise aus dem Ausland hier eintreffen und innerhalb weniger Tage „verkauft“ sind, ist es KEIN Tierschutz mehr! 

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