Das soziale Miteinander

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Mensch und Hund, ein komplexes Thema, mit vielen Emotionen, gelegentlichen Missverständnissen, kleinen und großen Konflikten und ganz viel Anpassungsfähigkeit von beiden Seiten aus.

Auch wenn die Bereitschaft dieser beiden sozialen Arten für ein Zusammenleben sehr hoch ist, gibt es Probleme. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass sich Mensch und Hund gegenüber stehen und ein großes Fragezeichen über den Köpfen schwebt: „Was will mir mein Gegenüber eigentlich sagen?“

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Ein Fragezeichen.

Denn obwohl wir uns aus sozialen Gesichtspunkten sehr ähnlich sind, gibt es große Unterschiede zwischen der Hunde- und der Menschenwelt.

Wir Menschen reagieren kopflastig, denken häufig nach, ob es richtig ist, was wir machen oder was wir hätten anders machen sollen. Wir Menschen erleben unsere Umwelt vorrangig mit dem Sehsinn. Der Hör-, Geruchs-, Geschmack- und der Tastsinn kommen erst danach. Wir Menschen haben ein besonderes „Talent“. Wir können unsere Emotionen wie Wut, Trauer, Frust und Resignation sehr lange mit uns tragen, genauso wie das schlechte Gewissen, das wir im Gegensatz zu unseren Hunden oft haben. Außerdem sind wir im Vergleich mit unseren Haushunden körpersprachliche Legastheniker, manche Menschen mehr, manche weniger. Wir verfolgen häufig einen für uns festgelegten Erziehungsauftrag und legen oft Wert auf konditionierte Kommandos („Sitz, Platz, Fuß“).

Unsere Hunde hingegen reagieren instinktiv und situativ, sie analysieren die Welt vorrangig mit ihrem Geruchssinn. Auch Hunde haben Emotionen, nur tappen sie dabei nicht in die Grübelfalle. Auch wenn sie unsere Lautsprache sehr gut verstehen, ihre Muttersprache ist die Körpersprache. Manche beherrschen sie sehr fein, manche sind etwas grobmotorischer. Hunde lernen am nachhaltigsten durch das Vorleben von Strukturen und Stimmungen („Nachahmungslernen, soziales Lernen“).

Diese Unterschiede, in den Alltag übertragen, führen oft zu Missverständnissen in der Kommunikation zwischen Mensch und Hund.

Gehen wir mal auf die Unterschiede anhand von Beispielen ein:

Körpersprache

Klassischer Fall ist die Leinenführigkeit oder auch der Rückruf. Hier kann viel erreicht werden, wenn die Körpersprache und unsere Lautsprache (unsere Stimme kann mal motivieren, mal beruhigen, aber auch als Abbruchsignal eingesetzt werden) dem Hund angepasst werden. Es ist das Sender-Empfänger-Prinzip: Was sende ich und wie kommt es bei meinem Gegenüber an? Sollte ich meine „Senderfrequenz“ umstellen, damit mich mein Empfänger richtig versteht?

Anhand eines Beispiels: den grobmotorischen etwas unsensiblen Hund beeindruckt es wenig, wenn ich mich bei dem Rückruf nach vorne beuge und so den Raum vor mir körpersprachlich blockiere. Der körpersprachlich sensible Hund lässt sich dadurch hemmen und wird nicht dicht zu mir herankommen. Aus den Augen des Hundes hat er nichts falsch gemacht, wir Menschen haben ein falsches Signal gesendet.

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Was versteht der Hund?

Wer einen sensiblen Hund besitzt, steht vor einer gewissen Herausforderung im Sinne des Sender-Empfänger-Prinzips. Typische Vertreter sind die Hütehunde, die sehr fein auf Sprache, Gestik und Mimik reagieren. Eine gute Methode, um seine eigene Körpersprache auf den Hund abzustimmen, ist das körpersprachliche Longieren oder auch das körpersprachliche Führen (als Übung: die Leine durch einen Wollfaden ersetzen und den Hund über Körper- und Lautsprache oder auch mal nur über die Körpersprache, ohne Stimme, führen).

Longieren

Nasenhund – Augenmensch

Ebenfalls ein häufiges Missverständnis: den Hund mit einer für uns (Sicht-)Menschen tollen Tätigkeit auslasten. Den Ball oder die Frisbee werfen. Es sieht toll aus, wie die Hunde hinterherwetzen. Im Frisbeetraining sind sogar Pirouetten in der Luft zu beobachten. Und ja, die Hunde scheinen dabei zu lächeln. Sicherlich macht dieses „Spiel“ Spaß, doch ist es auch für den Hund nur ein Spiel? Der Sehsinn („verfolge die Beute mit den Augen“) und ein Beuteaspekt (hetzen, jagen) wird hierbei angesprochen. Der Hund hat Stress, positiven Stress (im Fachjargon: Eustress), der gesamte Organismus ist in Aufruhr, die Aufmerksamkeit und die Leistungsbereitschaft sind auf einem Maximum. Findet diese Tätigkeit häufig statt, schadet sie oft physisch wie psychisch (siehe Artikel „der Balljunkie„).

Wenn wir auf den Hund eingehen und seine positiven Eigenschaften fördern wollen, sollten wir ihn auch über die Nase auslasten. Der Geruchssinn des Hundes ist ein wahres Wunderwerk:

Schon beim Öffnen der Haustür, weiß der Hund, wer gerade spazieren geht. Ob es der Erzfeind ist (entsprechend steigt die „Stimmung“) oder der Hundekumpel (Yeah, Freude!). Die Nase und das Riechhirn eines einzelnen Hundes kann viel mehr leisten, als unsere hochtechnisierte Welt dazu im Stande ist. Der Hund kann Schimmel, Trüffel, einzelne Menschen, Leichenspuren (bis zu 8 Monate alt), Blut, Hormonstände, Krankheiten wie Krebs, Diabetes etc.pp. erschnüffeln. Unsere Hunde leben in einer unglaublichen (Geruchs-)Welt. Eine Welt, die wir uns nur schwer vorstellen können. Vielleicht schenken wir aus diesem Grund den augenscheinlichen Spassmachern mehr Aufmerksamkeit, als der Nasen- und Kopfarbeit.

Denn während bei der einen Form der Auslastung der Organismus stark hochfährt und viele Hunde ein Problem mit der Regulation haben, hat die Nasenarbeit einen fast meditativen Charakter. Vor allem ist sie ist eine Tätigkeit mit dem Menschen zusammen, nicht von ihm weg. Gerüche anzeigen (z.B. ZOS -Zielobjektsuche-, Schimmelsuchhund, Sniffledog), den Futterbeutel/Dummy suchen und apportieren, Mantrailing, Fährtesuche oder alltagstauglich: versteckte Leckerlis finden, sind spannende Möglichkeiten die Nase und den Kopf des Hund anzusprechen.

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Nasenarbeit – in Ruhe zusammen zum Erfolg
Instinktiv vs. Emotional

Der letzte Punkt der Unterschiede: der instinktiv und situativ reagierende Hund und der kopflastige Mensch mit all seinen Emotionen. Hier ist eine Anpassung am schwierigsten. Wir reagieren nun einmal emotional und ein Verstellen nutzt kaum etwas, der Hund erkennt sehr schnell, wann wir „schauspielern“. Es kommt stark auf die Persönlichkeit des Hundes und des Besitzers an: ein „Gefühlshund“, der sensibel auf Gefühle und soziale Veränderungen reagiert, mit Trennungen schlecht klarkommt und sehr anhänglich ist, braucht einen Bindungspartner mit emotionaler Stabilität. Die Kombination: Gefühlshund und psychisch instabiler Mensch führt oft zu Komplikationen. Als Lösungsansatz für diese Kombination kann Planungssicherheit helfen: feste Stundenpläne und Rituale, die feste gleichbleibende Rahmenbedingungen schaffen.

Oder ein Hund mit einer starken Persönlichkeit, der sich ungern etwas „sagen“ lässt und in allem sehr beharrlich ist. Im Optimalfall trifft dieser Hund auf einem ebenfalls starken und ausgeglichenen Menschen. Für einen emotional instabilen Menschen kann es schwierig sein, diesen Hund in Konfliktsituationen zu führen. Je nach Typus können sich beim Menschen die benannten negativen Emotionen einstellen: Frust, Wut und Resignation. Langfristig schwächen uns diese Emotionen, auch in den Augen des „starken“ Hundes und verhindern eine harmonische Beziehung zu dem Hund. Hier kann ein gutes Mensch-Hund-Training helfen, sich wieder auf den Hund einzulassen und seine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Ein intuitves Gefühl entwickeln, welche Reaktionen in bestimmten Momenten richtig sind, Konflikte mit einer ruhigen Haltung annehmen und mit einer positiven, wohlwollenden Grundeinstellung auf den Hund eingehen oder ihn korrigieren, sind erstrebenswerte Ziele. Vor allem sollten wir uns nicht verrückt machen lassen, von den „tollen“ Tipps aus den Medien, von den Nachbarn und den vielen, vielen „Hundeexperten“. Ein gutes Bauchgefühl ist viel mehr wert, als jeder pauschale Tipp!

Konditionierung vs. sozialem Lernen

Jahrelang wurde fast ausschließlich Wert auf die klassische Konditionierung des Hundes gelegt: „Sitz“, „Platz“, „Fuß“ war der Standard auf vielen Hundeplätzen und in den Hundeschulen. Der Rückruf wurde mit Leckerlis bestätigt, damit der Hund auch wirklich gern zu uns kommt. An einer Konditionierung ist zwar generell nichts auszusetzen (das ganze Leben besteht aus bewusster und unbewusster Konditionierung), steht diese allerdings über der Beziehung zwischen Hund und Mensch oder dem sozialen Lernen, ist der Hund auf eine Reiz-Reaktionsmaschine reduziert. Und das wird ihm bei weitem nicht gerecht!

Zwei hochsoziale Lebewesen

Hunde sind für ein Leben in sozialen Strukturen und -verbänden geschaffen. In solchen Strukturen ist nicht alles fixiert, sondern wird stets der Situation angepasst. Hunde passen sich auch unseren Strukturen an. Das heißt: wir erreichen durch ein Vorleben von Strukturen mehr, als nur durch reine Konditionierungsarbeit. Kleines praktisches Beispiel dazu: das „Leine nehmen“ ist häufig ein Aufreger für den Hund. Der Hund verbindet mit der Leine das Rausgehen, kommt in eine Erwartungshaltung und quittiert diese mit (je nach Hund) freudigem Umherlaufen, Bellen, Springen etc. Würden wir hier jetzt bewusst konditionieren, warten wir so lange bis Ruhe beim Hund einkehrt, dann gibt es ein Markerwort (Lob), ein Leckerli und die Leine wird angelegt (operante Konditionierung). Den anderen Konditionierungsweg: Ruhe durchsetzen mit einem Abbruchsignal, dann loben und die Leine anlegen. Wollen wir aber das soziale Lernen benutzen, leben wir die Ruhe vor. Von Anfang an wird mit viel Ruhe die Leine genommen, den Hund dabei nicht anschauen. Wir stehen einfach nur da (oder sitzen), sind ganz bei uns, entspannen selber und warten. Ist Ruhe eingekehrt, wird ganz ruhig angeleint und das Haus verlassen. Im Gegensatz zu der operanten Konditionierung in der der Hund vorgibt und wir bestätigen, leben wir diese Ruhe vor.  Es bedarf theoretisch auch keiner Markerworte, keinem Lob oder Leckerlis, wenn Struktur und Stimmung vorgelebt wird.

Es fällt nicht leicht, Strukturen bei sich selber zu ändern, da erscheint es einfacher, den Hund zu konditionieren statt an sich zu arbeiten. Die Frage ist: was kann/möchte man selber leisten und welche Methode ist nachhaltig oder vielleicht sogar sinnvoller?

Ein aufgeregter Hund in einer Familie, in der ebenfalls viel Aufregung herrscht und nur wenig Struktur vorhanden ist, wird sich nur schwer allein durch Konditionierung beruhigen!

Eines haben wir jedoch gemeinsam: den Wunsch nach Zugehörigkeit! Und zugehörig fühlen wir uns, wenn wir verstanden und angenommen werden, mit unseren Bedürfnissen, Befürchtungen und unserer Persönlichkeit.

Herzlichst, Ihre Vanessa Engelstädter

 

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