Die Bedürfnisse des Hundes

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Das Erfüllen der Bedürfnisse sorgt nicht nur beim Menschen für ein Gefühl von Sicherheit, Zufriedenheit und eine hohe Lebensqualität. Auch der Hund fühlt sich wohl, wenn sie erkannt und beachtet werden. Das Erkennen und Erfüllen der Bedürfnisse schließt nicht die Erziehung des Hundes aus, sondern viel mehr mit ein. Innerhalb der gesetzten Rahmenbedingungen sorgen sie für ein harmonisches Miteinander.

In der Psychologie wurden die Bedürfnisse beim Menschen von Abraham Maslow in einer Bedürfnispyramide (siehe Grafik) klar umschrieben. Die Umschreibung liegt der Sichtweise zugrunde, dass der Mensch durch einen angeborenen Wunsch nach Wachstum angetrieben wird, um das Ziel der Selbstverwirklichung zu erreichen. Sie ist der Versuch, die Motivation der Menschen zu erklären. Unterteilt ist die Pyramide in Defizitbedürfnisse und Wachstumsbedürfnisse. Werden die Defizitbedürfnisse nicht erfüllt, kann es zu physischen oder psychischen Störungen kommen.

Bei den Hunden wurde dieses Feld noch nicht gänzlich erforscht und es sind eher Meinungen, als wissenschaftliche Studien vertreten. Auch die nachfolgenden Erklärungen sind aus der Erfahrung mehrerer Trainer im Abgleich mit Studien entstanden. Wenn es um den Versuch der Motivationserklärung der Hunde geht, steht an der Spitze der Pyramide sicher nicht die Selbstverwirklichung. Die Hunde, als hochgradig soziale Lebewesen und seit circa 34.000 Jahren Begleiter der Menschen, streben wohl eher nach sozialer Zugehörigkeit, dem Wunsch nach Anerkennung und stechen durch ihre extreme Anpassungsfähigkeit heraus. Die Defizitbedürfnisse dürften bei Hunden und Menschen sehr ähnlich sein und rufen bei den Hunden bei Nichterfüllung ebenfalls Störungen hervor.

Die folgenden Bedürfnisse richten sich nach dem „Familienhund“ im deutschen Alltag. Selbstständige und autark lebende „Straßenhunde“ haben abweichende Bedürfnisse. In anderen Ländern gelten andere (Umwelt-)Bedingungen, die von unseren oft abweichen (übrigens im Positiven, z.B. mehr Freiheit und Negativen z.B. weniger Versorgung).

  • Grundbedürfnisse: ausreichend Nahrung, ausreichend frisches Wasser, die Möglichkeit sich außerhalb des Schlaf- und Ruheplatzes zu lösen, Schutz vor Schmerzen und Krankheiten, einen sicheren Zufluchtsort
  • Bedürfnis nach sozialer Integration und Zuwendung

Der Hund als hochsoziales Lebewesen braucht den Familienanschluss, eine zumindest teilweise Integration im Alltag ist für den Hund wichtig. Die Zuwendungen in Form von Streicheleinheiten, Körperkontakt und Annerkennung sind wichtig. Allerdings immer am Hund angepasst: Ist die Nähe des Menschen dem Hund angenehm, seine Atmung wird ruhiger, Entspannung setzt ein  oder dreht er den Kopf weg, wird „hibbelig“ und/oder möchte lieber woanders hin? Einige Hunde haben schlechte Erfahrung mit der Nähe von Menschen gemacht und Zuwendungen bedeutet für sie Stress. Statt dem beruhigenden Ausschütten des Bindungshormons Oxytocin, wird hier eher Cortisol (das Stresshormon) ausgeschüttet. Ist ein Hund jedoch zu viel an Zuwendung dauerhaft ausgesetzt, kann er Symptome einer sozialen Übersättigung zeigen. Die Symptomatik besteht aus Meideverhalten ggü. Menschen, dem Zeigen von verschiedenen Stresssignalen und schlimmstenfalls aggressivem Verhalten.

  • Bedürfnis nach Ruhe

Circa 18 Stunden (+- 2 Stunden) in 24 Stunden, sollte der Hund die Möglichkeit haben zu ruhen und sich an einen sicheren Ort zurückzuziehen. Der Hunde(ruhe)platz sollte ein Ort der Entspannung sein und nicht hochfrequentiert von Besuchern und Familienmitgliedern. Welpen, Senioren, trächtige und säugende Hündinnen haben ein höheres Bedürfnis.

  • Bedürfnis nach Beschäftigung

Je nach Hund gibt es unterschiedliche Bedürfnisse nach Beschäftigung. Manche Hunde sind einfach glücklich und zufrieden, wenn sie am Alltag teilnehmen dürfen und 2-3 Spaziergänge mit Hundekontakt (oder ohne) am Tag erleben, andere brauchen etwas mehr. Eine Mischung aus körperlicher Bewegung, Nasenarbeit und Kopfarbeit ist ideal, die Schwerpunkte können dabei unterschiedlich liegen. Ein ausgelassenes, freudiges Spiel (ohne erzieherische Schwerpunkte!) zwischen Hund und Besitzer ist für viele Hunde eine große Freude.

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Allen Hunden tut es gut, einfach nur Hund sein zu dürfen. Das beinhaltet: schnuppern, Duftstoffe absetzen (Markieren), besonders gute Düfte schmecken (siehe auch: Jacobson‘sches Organ), buddeln, sich wälzen, Gras fressen, in Pfützen/Bächen/Seen springen und ausgelassen laufen/rennen (d.h. das intrinsische Bewegungsbedürfnis erfüllen -Bewegung vom Hund aus kommend ohne externe Einflüsse wie Ball/Frisbee etc.-). Das Jagen ist tief in der Genetik der Hunde verankert, bei einigen Hunden zeigt sich diese Motivation sehr abgemildert, bei manchen ist sie stark ausgeprägt, bei wieder anderen wurde sie durch Zucht „umfunktioniert“ (das Hüteverhalten einzelner Rassen, wie z.B. beim Border Collie). Da das Jagen als Familienhund so nicht ausgelebt werden darf, gibt es allerlei Alternativen, die dem Hund einen Ausgleich bieten (siehe Auslastungsmethoden) und für Zufriedenheit sorgen sollen.

  • Bedürfnis nach Anerkennung und Annahme

Oft wird bei Hunden viel Wert auf die Bestätigung mit Futter gelegt, so viel Wert, dass die natürlichere Variante der Anerkennung manchmal in den Hintergrund tritt: die echte Freude des Menschen am Hund. Selbst Hunde, die nicht über ein großes „will to please“ verfügen, blühen regelrecht auf, wenn ihr Mensch sich über ihr Verhalten freut. In einer Studie wurden die Gehirnaktivitäten der Hunde bei einer Leckerligabe oder bei der freudigen Bestätigung der Besitzer gemessen. Die Anerkennung hatte bei fast allen Hunden die größeren Ausschläge in den Belohnungszentren des Hundes. Unsere Vierbeiner können uns mittlerweile so gut lesen, dass sie merken, wann unsere Freude echt ist.
Gerade bei schwierigen Hunden ist auch das Thema „Annahme“ wichtig. Fühlt der Hund sich nicht angenommen oder gar abgelehnt, wird sich sein (Fehl-)Verhalten nur schwer langfristig ändern lassen.

  • Bedürfnis nach klaren Grenzen

Der normale Familienhund (ohne Problemverhalten) braucht wenige, aber klare Grenzen, in denen er sich frei bewegen kann. Eine Grenze ist immer dann erreicht, wenn der Hund sich selbst oder andere gefährdet und ebenfalls, wenn er die Bedürfnisse anderer tangiert (z.B. das Bedürfnis eines Menschen nach respektvollen Abstand). Deutliche Grenzen sind wichtig, es kommt jedoch auf den Hund und seinem Verhalten an, wie diese Grenzen aussehen und in welcher Form sie durchgesetzt werden. Der Hund sollte seine Rolle und seine Aufgabe im Sozialverband kennen. Grenzen geben Sicherheit!

  • Bedürfnis nach hierarchischer Ordnung

Eine eindeutige Positionierung gibt dem Hund (Planungs-) Sicherheit, er muss nicht ständig „nachfragen“. Das muss nicht rigoros durch Maßnahmen wie: „erst essen wir, dann der Hund“ oder „erst gehe ich durch die Tür, dann der Hund“ durchgesetzt werden. Je nach Hund können die Maßnahmen unterschiedlich aussehen, bei weniger durchsetzungsstarken Hunden kann die Hierarchie bereits ab dem ersten Tag geklärt sein, bei durchsetzungsstarken Hunden kann es mehr Kraft (Führkompetenz) seitens der Besitzer erfordern. Hunde lernen am nachhaltigsten durch das Vorleben von Strukturen und Stimmungen. Wenn wir als Besitzer klar wissen, was wir möchten (oder auch nicht möchten), uns und unsere Bedürfnisse ernst nehmen, fällt es unseren Vierbeinern wesentlich leichter uns zu verstehen. Das Thema Hierarchie steht oft in der Kritik bei den (Hunde-) Fachfrauen und -männern. Wahrscheinlich wurde dieses Thema zu oft missbräuchlich verwendet. Eine Hierarchie ist jedoch nicht unbedingt etwas Negatives: unsere menschliche Welt würde ohne Hierarchien nicht funktionieren, wir passen uns bewusst oder unbewusst an. Erst sind es unsere Eltern, dann die Lehrer, später die Arbeitsgeber, bei denen wir uns in Hierarchien einfügen. Schön ist es, wenn man wohlwollende Eltern, Lehrer und Chefs gehabt hat. Bei der Beobachtung von Straßenhunden können ebenfalls deutlich hierarchische Strukturen erkannt werden. Der Hund mit der höchsten hierarchischen Stellung zeichnet sich in fast allen Fällen als durch Weisheit (altersbedingte Erfahrungen), Wissen und einer gewissen Souveränität aus.

Bedürfnis nach sicherer Führung

Ein Konflikt kann für jeden Hund anders aussehen. Der eine Hund hat Probleme mit auf ihn zustürmende Hunde oder Kinder, der andere Hund fürchtet sich vor unbekannten Untergründen oder lauten Geräuschen und wieder einem anderen sind Männer nicht ganz geheuer. Doch alle Hunde haben hier eines gemeinsam: das Bedürfnis nach einem Besitzer, der genau einschätzen kann, wann er schützt (z.B. den anderen Hund stoppt und abweist, in dem er sich vor seinen eigenen Hund stellt), wann und wie er eine Grenze setzt, wann er die Eigeninitiative des Hundes unterstützt (das Annähern des Hundes an den Konflikt) und wann er souverän den Hund weiterführt. So wird der Hund den Besitzer als sicheren und verlässlichen Bindungspartner wahrnehmen: einem Menschen, bei dem es sich lohnt zu bleiben und auf ihn zu achten.

  • Bedürfnis nach Verständnis

Laut Wikipedia beinhaltet Verständnis das Verstehen (Begreifen eines Sachverhalts), die Empathie (Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und mitzufühlen) und eine Meinung/ einen Standpunkt haben. Nur wer seinen Hund versteht und sein Verhalten lesen kann, wird angemessen darauf reagieren können. Eine klare Kommunikation erleichtert dem Hund und seinen Menschen deutlich das Zusammenleben. „Sich verstanden fühlen“ gibt nicht nur Menschen ein gutes und sicheres Gefühl, auch unseren Hunden.

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Herzlichst,

Vanessa Engelstädter

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