Resilienz: Wie kann ich meinen Hund unterstützen und stärken?

Sozial sichere und umweltsichere Hunde zeigen kaum eine schnelle Eskalation aggressiver Kommunikation.
Dr. D. Feddersen-Petersen

Im Zusammenleben mit dem Hund gibt es bekanntlich keine ultimative Erziehungsmethode, so wie es auch bei Problemverhalten nicht die eine Lösung gibt. Viele Wege führen nach Rom. Das Verhalten eines Hundes ist immer ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren: die vererbten Gene des Hundes, die bisher gemachten (Umwelt-) Erfahrungen und die daraus entstandene Persönlichkeit, außerdem ist es situations- und kontextabhängig. Der Hundehalter hat auch einen großen Einfluss: seine Persönlichkeit, seine Erfahrung, die den Umgang mit dem Hund prägen und sein ganz persönlicher Alltag, in dem das Zusammenleben stattfindet. Ein großes Puzzle aus dem letztendlich das individuelle Bild „Hund-Mensch-Team“ entsteht. Hier kann es keine pauschalen Lösungen, Erziehungstipps und den heiligen Gral der Hundeerziehung geben.

Der Optimalfall: Mensch und Hund als Team.

Trotz aller Individualität gibt es viele gute Ansätze und Wege, die das Beziehungsklima grundsätzlich verbessern und auch bei Problemverhalten eine Therapie bzw. ein Training erheblich unterstützen können.

Das Thema Resilienz ist dabei ein wichtiger Punkt im Umgang mit Konflikten. Der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch beschreibt die Resilienz als Aufrechterhaltung oder schnelle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während und nach Widrigkeiten. Andere beschreiben die Resilienz als „Immunsystem der Psyche“ : Konflikte, Probleme, traumatische Erlebnisse sind die „Krankheiten“, die Resilienz hilft beim Überstehen der „Krankheiten“ und härtet uns ab. Also eine Art Impfung, damit wir zukünftig noch besser gewappnet sind.

Mittlerweile weiß man, dass es sich bei der Resilienz nicht allein um feste Wesensmerkmale handelt, die man entweder hat oder nicht, es sind viel eher Prozesse, die trainiert werden können. Eine Erhöhung der Resilienz, um damit langfristig einen besseren Umgang mit Stressoren zu erreichen, ist eines der wichtigsten Ziele im Training bzw. in der Therapie. Ein Lebewesen wird im Inneren gestärkt und stabilisiert, so dass es zukünftig souverän auf Widrigkeiten reagieren und mit eigenen Lösungsstrategien wirken kann.

Auch der klassische „Angsthund“ aus Rumänien kann an Stärke und Zuversicht gewinnen.

Ein häufig genannter Wunsch oder auch Trainingsauftrag ist eine Umgebung, die harmonisch und stressfrei sein soll, sonst könne der Hund nicht lernen. Ein Umstand, der im Alltag mit unseren Hunden fast unmöglich ist. Denn das Leben ist leider (oder zum Glück) kein abgeschotteter Bereich ohne Störfaktoren. Der Fokus sollte im Training auf bewältigbaren Stress liegen. In diesem Stressbereich schüttet der Körper wichtige Hormone und Transmitter aus, die uns (und unsere Hunde) durchaus aufnahme- und lernfähig machen. Stress oder Widrigkeiten erleben und das Gefühl von Handlungsoptionen zu haben, steht an erster Stelle, wenn wir über Resilienz sprechen. Neue Fähigkeiten, Eigenschaften und Bewältigungsstrategien können sich aus einem gut gemachten Konflikttraining entwickeln. Gerade bei unseren Vierbeinern ist es sinnvoll, ihren eigenen Ideen und Strategien den Vorrang zu geben, als unseren auferlegten und ausgedachten Kommandos. Das fördert die Selbstwirksamkeit („ICH kann etwas bewirken!“) und schafft eine intrinsische Motivation. Natürlich sollten die vom Hund selbstüberlegten Strategien für den Menschen und die Umwelt annehmbar sein.

Zusammenfassend kann man sagen: „Ohne Konflikte und Stress gibt es kein stärkendes Training der Krisen-Reaktionskraft!“


Resilienz beginnt im Gehirn


Bei einem Stressexperiment an Mäusen wurden einzelne Mäuse immer wieder zu einer größeren, angriffslustigen und aggressiven Maus gesetzt. Nach dieser permanenten Niederlage der einzelnen Mäuse über einen längeren Zeitraum bildeten sich zwei Gruppen: Gruppe 1 entwickelte gestörte soziale Interaktionen (soziale Aversion), Gruppe 2 schien wenig beeindruckt und zeigte nur kurz anhaltende Stresssignale, schnell „normalisierte“ sich wieder das Verhalten und hatte keinen weiteren Einfluss auf den Alltag. Man konnte also sagen, dass die zweite Gruppe die resilientere war. Woran lag es, was hatte die eine Gruppe, was die andere nicht hatte?

Das Belohnungszentrum im Gehirn liefert uns eine Antwort. Dieses System sorgt erstens dafür, dass wir das, was wir zum Überleben brauchen gern tun und zweitens, dass wir uns immer wieder in eine innere Harmonie „einpendeln“. Das Belohnungssystem bei Gruppe 1, den sozial aversiven Mäusen, funktionierte nicht einwandfrei, es zeigte ähnliche Merkmale wie bei einem Menschen mit dem Krankheitsbild einer Depression. Sie gaben eher auf, resignierten und gingen mit einer negativen Erwartungshaltung in den Kontakt. Da mit den Mäusen nicht speziell trainiert wurde, waren hier eindeutig genetische Progammierungen im Spiel.

Langanhaltender, nicht bewältigbarer Stress verändert die Genexpression, die Gene führen zu einer Produktion von Proteinen, die wiederum den komplexen Hormonhaushalt steuern. Bei beiden Gruppen veränderte sich die Genexpression, allerdings bei Gruppe 2, den resilienten Mäusen, viel stärker als bei der anderen Gruppe. Alle inneren Prozesse schienen in größerer Aufruhr. Eine Erklärung wurde gesucht und gefunden: Es fanden Regulations- bzw. Ausgleichsprozesse statt, die eine Anpassung an diese Umweltbedingungen ermöglichten. Diese Prozesse sind ein wichtiger Überlebensfaktor aller Lebewesen im Sinne der Evolution. Unter natürlichen Bedingungen würde der Stärkere überleben und diese Gene weitergeben. Diese natürliche Selektion findet bei unseren Hunden jedoch kaum noch statt. Der Mensch, als Züchter, aber auch als Besitzer, trägt die Verantwortung für die Weitergabe der „guten“ Gene, genauso wie für ein gesundes (Stress-) Verhalten von Welpenbeinen an. Jederzeit kann durch ein Training oder einem veränderten Umgang mit einem Lebewesen die Resilienz gestärkt werden.

In gut gemachten Welpengruppen können die jungen Hunde bereits den Umgang mit Konflikten lernen.

Wie kann man Hunden, bei denen  es nicht der Optimalfall war, die verhaltensauffällig sind und/oder Schwierigkeiten im Umgang mit Stressoren haben, im Training und ebenfalls im Alltag helfen? Wie kann die Resilienz erhöht werden?

Einige Eigenschaften können gefördert werden, die für Resilienz stehen. Zusätzlich sollte bedacht werden, dass ein Hund kein Mensch ist, den wir zu völlig eigenständigem Handeln erziehen wollen (und sollten). Wohlwollendes Führen und Fördern gehören zusammen. Grundsätzliches kann man festhalten:

  • Optimisten kommen besser durch das Leben.
  • Die Selbstwirksamkeit, das Gefühl handlungsfähig zu sein und einen Einfluss auf bestimmte Situationen zu haben, ist enorm wichtig.
  • Deutlich kommunizierte Grenzen und formulierte Rahmenbedingungen im Zusammenleben geben Halt, Sicherheit und Planbarkeit.
  • Durch Erfolge kann ein Hund wachsen, am Stress und am Konflikt Handlungen erlernen.
  • Durch wohlwollende Führung und sicherer Bindung hat der Hund einen Ansprechpartner im Alltag.
  • Ruhe(zeiten) sorgen für Entspannung, denn das Stresssystem verhaltensauffälliger Hunde ist oft überreizt durch die fehlende Regulation.
  • Die körperliche und psychische Selbstwahrnehmung ist ein wichtiger Faktor, dessen Fehlen man bei verhaltensauffälligen Hunden oft erleben kann: sie wissen nicht, wo ihr Körper aufhört und wo er anfängt, sie (über-)reagieren häufig und agieren nicht, sie wirken irgendwie „drüber“ und haben wenig Sinn für die Feinheiten der Kommunikation. Die Selbstwahrnehmung geht Hand in Hand mit der Selbstregulation.
Ein Führanspruch erleichtert den Alltag und gehört mit der Förderung des Hundes zusammen.

Zu allen Ansätzen gehört die wichtige Basis: seinen Hund zu lesen, sein Verhalten zu verstehen und eine gesunde Selbstreflektion unserer eigenen menschlichen Verhaltensweisen. Nach fast 34.000 Jahren des engen Zusammenlebens können unsere Vierbeiner uns lesen und fühlen wie kein anderes Lebewesen. Bei dieser Verbundenheit sollte auch der Hundehalter genau darauf achten, wie er mit Konflikten und Stressoren umgeht und welche Bewältgungstrategien er selbst hat, denn der Hund „liest“ mit.

Die Nähe zum Menschen ist besonders eng bei unseren Hunden.

Eines der Resilienzthemen ist der „Optimismus“ und zielt damit direkt auf das Bewertungssystem im Gehirn. Wie bewertet ein Lebewesen einen Reiz? „Das wird schon gut gehen“ sagt der Optimist, „wir prüfen erst mal alles und schauen dann“ sagt der Realist, „das wird nichts, sicher ist es gefährlich“ sagt der Pessimist. Für die Resilienz ist eine realitisch-optimistische Bewertung Gold wert. Umgemünzt auf den Hund hat sich in diesem Bereich ein „Heldentum“-Training bewährt. Maßgebend ist auch hier der Mensch, der das Gefühl von Heldentum und Stolz authentisch vermittelt. Zwei Fliegen werden so mit einer Klappe geschlagen: zum einen führt das gelegentliche Heldentum der Hunde dazu, dass sie positiver gestimmt (optimistisch) in den Alltag und in die Konflikte gehen, zum anderen sind die Besitzer stolz auf ihre Hunde, was wiederum die Annahme und Akzeptanz des Hundes fördert. Ein wichtiger Aspekt in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Hunden! Denn häufig schwingen unsere (normalen) Emotionen, wie Enttäuschung, Frust und Wut im Alltag mit, so dass kleinere Erfolge zu wenig wahrgenommen werden. Eine Negativspirale entsteht, nicht nur beim Menschen, auch der Hund nimmt sie wahr.

Eine Studie bestätigt den Nutzen vom Heldentum im Alltag. Sie zeigt, welchen Einfluss die Psyche auf negative Empfindungen hat. Allen Teilnehmern, die erfahrene Rollenspieler waren, wurde eine Rolle zugewiesen, in der sie sich reinversetzen mussten. Mal waren sie Helden, die jemanden retten, mal ein eher unsicherer und verzagter Retter. Anschließend wurde als negative Empfindung ein Schmerzreiz ausgewählt und den Teilnehmern zugefügt. Das Gefühl des Schmerzes ist gut messbar und spricht im Gehirn bestimmte Areale an, also ein ernstzunehmender Stressor. In der Rolle des Helden konnten die Teilnehmer die Schmerzen viel besser und länger aushalten. Positive Gefühle sorgen also auch bei Stress und Widrigkeiten, für eine positivere, mildere Wahrnehmung!

Bei einer Kundenbefragung von Hundeschulteilnehmern, die mit ihren „schwierigen“ Hunden abseits der Er- und Beziehungsthemen eine erfüllend Beschäftigung begonnen haben, wurde deutlich hervorgehoben, dass sich das Beziehungsklima verbessert habe und selbst die bisher als schwierig empfundenen Verhaltensweisen wesentlich milder seitens der Menschen betrachtet wurde.

Ganz weit vorn der „Hunde-Heldentaten“ steht das Mantrailing, welches ebenfalls für mehr Umweltstabilität sorgen kann, die Dummy- bzw.Apportierarbeit, die nebenbei die Konzentration fördert, ZOS (Zielobjektsuche) oder eine andere intensive Sucharbeit fördert viele positive Seiten des Hundes, aber auch sportliche Auslastungen wie CaniCross, Agility, Zughundesport, Treibball oder die Vorbereitung auf sportliche Wettkämpfe wie Tough Hunter „produziert“ kleine Helden. Im Alltag kam das Free Shaping gut an, bei dem jegliche Idee des Hundes bestätigt wird und sich daraus ein neues Verhalten formen lässt, so wie Trick Dog und Dog Dance. Für die Beziehungsarbeit ist das Longieren des Hundes eines der schönsten Formen, um sich aufeinander abzustimmen. Jegliche Beschäftigung, die die Augen des Hundes leuchten lässt und gesund für den Organismus ist (Vorsicht beim „Balljunkie“!), wäre genau richtig, um den Hund zu stärken und zu unterstützen.

Ob Sucharbeit im Trümmerfeld…..
…. oder Mantrailing, der Erfolg macht stolz.

Fazit: auch wenn ein Hund nicht die optimalen Startbedingungen für einen guten Resilienzaufbau durch seine Genetik, seiner Lebenserfahrung oder auch durch traumatische Erlebnisse hatte, kann jederzeit durch ein Training im Alltag die Resilienz gestärkt werden. Dazu gehört ein gutes, kleinschrittiges und angepasstes Konflikttraining, bei dem der Hund das Gefühl von Handlungsfähigkeit hat, ein Stärken des Optimismus des Hundes durch Tätigkeiten, die dem Hund und seinem Menschen Spaß machen, sowie führkompetente Hundebesitzer, die als Ansprechpartner wissen, wann ein „Grenzen setzen“ erforderlich ist oder wo der Hund in seinem Verhalten gefördert und auch akzeptiert werden sollte.

Oskar, der kleine Resilienz-König. Trotz schwersten Startbedingungen konnte er innerlich wachsen.

Wenn sich eine Belastung als kontrollierbar erweist, kehrt sich plötzlich alles um, aus einer Bedrohung wird eine Herausforderung, aus Angst wird Zuversicht und Mut, aus Ohnmacht wird Wille, und am Ende, wenn wir es geschafft haben, spüren wir, wie unser Vertrauen in das, was wir wissen und können gewachsen ist.

Zitat Gerald Hüther

 

Text: Vanessa Engelstädter

 

Quellen:
Das Stressexperiment mit den Mäusen von Oliver Berton, Essential role of BDNF in the
mesolimbic dopmaine pathway in social defaeat stress. Science 2006 und Krishnan, V.
Molecular Adaptions Underlying Susceptibility and resistance to social defeat in brain
reward regions. Cell 2007
Zu dem Thema Resilienz: Buch „Der resiliente Mensch“ von Raffael Kalisch 2017, „Die neue Medizin der Emotionen“ David Servan-Schreiber, „Biologie der Angst“ Gerald Hüther, „Resilienz: Modelle, Fakten und Neurobiologie“ von Ann S. Masten 2014
Zu dem Thema Heldentum Buch von Amrei Wittwer und Gerd Folkers „Schmerz“
Kundenbefragung zur erfüllenden Auslastung: eigenen Hundeschule 2017

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