In einer der letzten Beratungen passierte es wieder. Der Satz kam: „Wir haben alles probiert und waren sogar bei einem Tierpsychologen. Der hat gleich gesagt, dass wir nicht beim Hund durchdringen und in Absprache mit einem Tierarzt Clomicalm® empfohlen.“

Dieses Medikament ist verschreibungspflichtig, der Wirkstoff ist ein Stimmungsaufheller und gehört zur Gruppe der trizyklischen Antidepressiva. Damit ist sicher nicht zu spaßen und eine Gabe sollte genau überlegt werden. Meine Tierärztin setzt es bei Stereotypien und Verhaltensstörungen im Angstbereich ein und das nur äußerst selten. Die Betonung liegt auf „-störung“, denn ein Hund der Aggressionen zeigt oder nicht auf seinen Besitzer hört, muss nicht verhaltensgestört sein. Die Gründe für ein „auffälliges“ Verhalten können sehr unterschiedlich sein. Außerdem kann es zu Nebenwirkungen kommen, beispielsweise einem lethargischen Verhalten oder sogar einer erhöhte Bereitschaft zur Aggression. Eigentlich muss zusammen mit Clomicalm® zwingend am Verhalten gearbeitet werden. Pille rein und gut, gibt es nicht!

Clomicalm® wurde also verabreicht und besagte Nebenwirkungen traten auf. Der Tierpsychologe war jetzt auch überfragt.

Ich sehe an dieser Stelle vorrangig ein wichtiges Thema zur Aufklärung. Nicht über das Medikament, denn das ist eigentlich die Aufklärungspflicht der Tierärzte und kann auch „gegoogelt“ werden. Sondern viel eher, dass Menschen -egal ob Tierärzte, Hundehalter oder jede Form von Hilfesuchende- sich von Betitelungen blenden lassen. Wenn der Titel passt, wird kaum etwas hinterfragt, denn dieser Mensch hat Ahnung! Ein Psychologe ist sicher etwas ganz anderes als ein Trainer…

Also: Hundetrainer, Tierpsychologen, Verhaltensberater, Hundeflüsterer, Hundemagier oder Hundeversteher sind keine staatlich anerkannten Berufsbezeichnungen. Das heißt: jeder mit Hunden arbeitende Mensch darf sich so nennen, wie er möchte, ohne dass es eine Aussage zu der Qualität ist. Es gibt auch keine staatlich anerkannte Berufsausbildung für Hundetrainer. So kann in einer theoretischen Onlineweiterbildung über ein paar Wochen oder Monate, die Teilnahmebestätigung „XY hat an der Fortbildung zum Hundepsychologen teilgenommen“, erworben werden.

Seit 2014 gibt es zumindest die Pflicht, dass Hundetrainer den § 11 Abs. 1 Nr. 8f TSchG nachweisen müssen. Das ist wie ein Führerschein, also eine Erlaubnis, mit der wir Trainer überhaupt erst arbeiten dürfen. Es ist noch keine Zertifizierung und nicht unbedingt eine Aussage wie gut der Trainer ist. Vor dem Jahr 2014 konnte quasi jeder als Hundetrainer arbeiten, jetzt bedarf es die Erlaubnis der Behörde. Allerdings sind hier ebenfalls große Unterschiede der Vergabe des sogenannten 11ers durch die einzelnen Gemeinden zu sehen. Manche winken alle Trainer durch, andere nehmen es ganz genau und verlangen eine teure dreiteilige Prüfung. Auch in dem Bereich ist noch viel zu tun, aber das ist ein anderes Thema.

Eine Zertifizierung durch die Tierärztekammer Niedersachsen oder IHK Potsdam kann optional gemacht werden. Hier wird zumindest das Wissen fachlich gut geprüft.

Mittlerweile gibt es viele Hundetraineraus-/weiterbildungen, die sehr gut theoretisches Wissen und Praxis vermitteln, damit stets an der Ursache eines unerwünschten Verhaltens gearbeitet wird. Beratungstechniken sind dabei genauso wichtig, wie der Umgang mit den Hund. Dazu gehören: Kynologisch, Dogument, Canis, Ziemer & Falke, Thomas Baumann und einige mehr. Und es gibt schlechte Bildungsvermittler, die in 2 Tagen zum „zertifizierten Problemhundetrainer“ weiterbilden.

Woher soll ein hilfesuchender Mensch nun wissen, welcher Trainer am besten unterstützen kann?

1. Er fragt andere Hundehalter, die ähnliche Themen haben/hatten, wo sie waren.
2. Er schaut nach, welche Ausbildungen und Weiterbildungen der Trainer gemacht hat und wie lange bereits als Trainer gearbeitet wird. (Transparenz!)
3. Er sollte sich aufgehoben und verstanden fühlen, sein Hund muss genauso betrachtet werden, wie der Umgang mit ihm.
4. Kein guter Trainer arbeitet gleich drauf los und reißt dem Menschen den Hund aus der Hand. Er schaut erst mal das Mensch-Hund Team an und stellt viele Fragen. Das gehört dazu, um der Ursache auf den Grund zu gehen.
5. Alle Methoden und Techniken, die angewendet werden, können einleuchtend erklärt werden.

Auf einen besonders kuriosen Fall bin ich letztens gestoßen. Kunden waren bei einem Trainer, der geprüft und zertifiziert ist. Nach genauerem Hinschauen, da es seltsame Aussagen gab, wie „Hunde brauchen niemals Sozialkontakte und bitte ausschließlich wortlos mit dem Hund arbeiten!“ stellte sich raus, dass die Zertifizierung nach DIN EN ISO 9000 f stattfand. Das ist eine Norm für das Qualitätsmanagement eines Unternehmens und hat nichts mit Hundetraining zu tun. Die „Prüfung“ fand dann nach einer privaten Ausbildung eines befreundeteten Hundetrainers in einem Verein statt, wie umfangreich Prüfung und Ausbildung war, konnte nicht eingesehen werden. Auf der Homepage stand aber groß und breit: „Wir sind zertifiziert und geprüft“. Gelogen war es nicht, aber mit fachlich fundierten Hundetraining hatte es auch nichts zu tun.

Meine persönliche Meinung: toll klingende Bezeichnungen sind reine Marketingmaßnahmen. Das kann man natürlich machen, es steht jedem frei, aber Trainer, die seit Jahren erfolgreich arbeiten, haben diese „Augenwischerei“ nicht nötig. Und wenn wir Trainer ganz ehrlich sind, lautet die korrekte „Berufs“bezeichnung eigentlich –Menschentrainer, Fachrichtung Hund-, denn nichts anderes machen wir. Wir arbeiten mit Menschen, müssen sie verstehen, motivieren und ihnen das Hundeverhalten übersetzen. Das ist der Weg, ein unerwünschtes Verhalten zu ändern. Er geht über den Hundebesitzer!

Bei dem oben genannten Fall, ging es übrigens um erzieherische Maßnahmen. Der Hund fühlte sich zu stark in der Verantwortung, sich um seine Umwelt kümmern zu müssen. Wenn kein stressstabiles (resilientes) Fundament im Hund vorhanden ist, kann dieser Stress langfristig zu einem stark verhaltensauffälligen Verhalten führen. Mit anderen Worten: der Hund war überfordert mit der Verantwortung! Da hilft auch kein Medikament, hier müssen die Menschen umdenken.

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