Beziehung: Wer ist eigentlich Paul?

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Auf dem Sofa, während ich mit meinen Hunden Oskar und Aimee eine Tüte Erdnussflips teile, denke ich über Trainingsmethoden, Hundeerziehung, Hundemenschen und menschliche Hunde nach. Unglaublich wie viele Parallelen die Welt der Vierbeiner und unsere aufweisen. Und wie wenig wir Menschen uns so manches Mal in die andere Welt einfühlen können. So ähnlich sind unsere Bedürfnisse, so schwer das Verständnis.

Hundetrainer sollen hier die Brücke bilden. Genau genommen sind wir natürlich Menschentrainer, Fachrichtung Hund. Die meisten von uns sind mittlerweile sehr gut ausgebildet. Sie kennen die Lerntheorien, sie wissen, um den richtigen Zeitpunkt beim Lob und bei der Korrektur, sie kennen sich sogar in der Neurobiologie und Genetik des Hundes aus. Sie lesen Studien, sie besuchen viele, viele Seminare und verfügen über ein großes fachliches Wissen zum Thema Hund. Auch das Thema „Mensch“ hat an Bedeutung gewonnen, so dass sie ebenfalls geschult sind im Umgang mit „schwierigen“ Menschen. Das ist ein schöner Wissensschatz!

Doch wie so oft im Leben klopft dann der Alltag an die Tür, der so manches Mal nichts mehr mit der klaren Theorie zu tun hat: zum Beispiel Lisa Müller mit ihrem Hund.

Lisa schildert ein paar Probleme: ihr Hund beißt. Leider auch sie. Ihr Hund mag keine anderen Hunde. Ihr Hund möchte nicht, dass sie mit ihrem Freund kuschelt. Und er lässt sich nicht mehr gern baden oder kämmen. Beim Tierarzt trägt er mittlerweile einen Maulkorb und tobt, wenn er gegen seinen Willen festgehalten wird. Eine Futteraggression hat er auch.

Jetzt können dem ein oder anderen Trainer bereits ein paar „Lösungen“ im Kopf umherschwirren: „Lisa müsste doch nur mal….“ Doch im Prinzip wissen wir noch nichts, es wäre unfair jetzt schon in die Werkzeugkiste zu greifen und der Lisa mit Rat“SCHLÄGEN“ zu begegnen.

Fragen wir Lisa mal nach der Vergangenheit. Wie sah der Start und die weitere Entwicklung aus?

Lisa startete eigentlich ganz gut in das Abenteuer „Hund“: sie hatte sich Welpenbücher gekauft, kannte die Rasse und holte den Hund von einem guten Züchter, der bereits früh in einem bunten Welpenzimmer, mit allerlei Gegenständen bestückt, die Welpen sozialisierte. Im Fernsehen hatte sie viel von Martin Rütter gesehen und wäre gern der Rudelführer wie Cesar Millan. Sie nahm ihren vierbeinigen Freund sofort überallhin mit, er sollte doch weiterhin gut sozialisiert werden. Sie besuchte eine Welpengruppe. An manchen Tagen spielten dort 10 Welpen auf einem großen Platz miteinander. Es wurde Sitz, Platz und Fuss geübt und danach ging es wieder in das freie Spielen. Sie ließ ihn mit vielen Hunden zusammen, obwohl er zum Anfang eher unsicher im Kontakt war. Damit der Hund weiß, wo er in der Rangfolge steht, nahm sie ihn öfter das Futter weg (so hatte sie es mal im Fernsehen gesehen) machte er „Sitz“ bekam er es wieder. Aus dem Grund ging sie auch als erstes durch die Haustür.

Die ersten kleinen Probleme traten nach ein paar Monaten auf. Lisa durfte nicht mehr ans Futter, der Hund fing an zu knurren, draußen war er an der Leine kaum noch zu halten, schon gar nicht, wenn andere Hunde entgegen kamen.

Lisa entschied sich die Hundeschule zu wechseln. Der Werbespruch einer anderen Hundeschule: „gewaltfreies, positives und individuelles Training mit Ihrem Hund“ sprach sie an. So lernte Lisa dort eine Menge: es gab viele Leckerlis, es wurde geklickert und an Alternativverhalten gearbeitet. Es gab ein paar Fortschritte. Doch das Große und Ganze änderte sich nicht. Die Trainerin war der Meinung, Lisa ist nicht konsequent genug. Resigniert gab sie auf, sie war sich sicher, dass es an ihr liegt. Sie kann einfach nicht so konsequent im Alltag sein, dauernd vergaß sie den Klicker und ohne Leckerlis war sie auch schon mal losgelaufen.

Der erste Beißvorfall folgte. Lisa wollte ihren Hund baden, weil er sich in Aas gewälzt hat. Er wollte es nicht und setzte seine 42 Argumente ein. Der Gebissabdruck war auf der Haut zu sehen und es gab einen dicken blauen Fleck an der Hand.  Lisa war traurig und entsetzt. Ihr eigener Hund hat sie gebissen.

Das Verhalten des Hundes wurde schlimmer. Mittlerweile durfte Lisas Freund nicht mehr mit ihr auf dem Sofa kuscheln, ohne dass der Hund wütend dazwischen ging. Es wurden zwei weitere Hundeschulen aufgesucht. Einer der Trainer riet zu klaren Abbruchsignalen und klaren Hausstandsregeln. So wurde mit Wasserflasche, Wurfdiscs und vielen Regeln gearbeitet. Lisa fühlte sich dabei nicht gut, aber wollte, dass das aggressive Verhalten des Hundes nun endlich aufhört. Es gab feste Trainingspläne, an die sie sich konsequent halten sollte. Tatsächlich kamen erste Erfolge zustande: ihr Hund mied draußen die anderen Hunde und hing nicht mehr aggressiv in der Leine. Doch das Große und Ganze änderte sich nicht. Auf einer Familienfeier biss ihr Hund ein Kind, das auf ihn zugerannt kam und ihn streicheln wollte.

Wer war Schuld? Waren die Hundetrainer Schuld? Die Methoden? Oder Lisa? Oder vielleicht doch der Hund? Oder hätte das Kind einfach nicht auf den Hund zulaufen dürfen?

Gibt es überhaupt eine eindeutige Antwort auf diese Fragen?

Der Vorteil des hochsozialen Lebewesens Hund  ist die Anpassungsfähigkeit. Der Nachteil leider auch. Unsere Hunde passen sich den Umweltbedingungen und unseren emotionalen (In-)Stabilitäten an, sie finden Lücken in unseren Führ- und Sozialkompetenzen und suchen ihren Platz in unserem Leben. Manch ein von uns gezeigtes Verhalten wird von unseren Hunden ganz anders interpretiert, als wir es gemeint haben. Missverständnisse sind nicht selten vorprogrammiert (siehe auch „Das soziale Miteinander„).

Wenn wir Lisas Geschichte ein wenig durchleuchten, können einige Themen erkannt werden: zum Beispiel zogen schon recht früh viele Methoden und Regeln ein, die Lisa vor allem von außen zugetragen bekam. Lisa wollte sich an alle Regeln halten, um einen entspannten Hund zu haben, der nirgends aneckt. Doch es wurde immer „verspannter“ zwischen den beiden. Sie informierte sich: durch Bücher KEIN FUTTER VOM TISCH!!, durch das Fernsehen IMMER DEN FUTTERBEUTEL MIT RAUSNEHMEN, UM DEN HUND ZU BESCHÄFTIGEN!!, ZEIGE DEM HUND, DASS DU DER CHEF BIST!! und durch die sozialen Medien BARFEN, BLOSS KEIN TROCKENFUTTER!!. Sie lernte auch in den Hundeschule eine Menge, doch eines lernte sie in der ganzen Zeit nicht kennen: ihren Hund Paul.

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass der Name erst jetzt das erste Mal auftaucht. Vorher war nur die Rede von Lisas Hund. Genauso ging es Lisa während der ganzen Zeit. Ihr Kopf war offen für alles, ihr Bauchgefühl verwehrte das wirkliche Kennenlernen von Paul.

Paul ist ein toller Hund, doch er zog sich schon recht früh immer öfter zurück. Paul hat Unsicherheiten und Befürchtungen, die sich nach der Kastration, die von dem Tierarzt empfohlen wurde, noch verschlimmerten. Paul ist eher introvertiert und braucht etwas länger, um Situationen einschätzen zu können. Die Zeit hätte er oft gebraucht. Gerade in der Welpenzeit und in der Welpengruppe war Paul oft überfordert, wie Lisa nach genauem Nachdenken auffällt. Oft überrannten ihn die anderen Hunde und er lag meistens unter dem Knäul von Vierbeinern. Hinzu kam der Druck, den Lisa immer verspannter auf Paul ausübte: „ich wollte nun einmal der Rudelführer sein, das ist doch so wichtig“, sagt sie. Lisa ist es auch sehr wichtig, mit dem Hund positiv aufzufallen und genauso wichtig ist ihr, was andere über sie denken.

Was wäre gewesen, wenn das Hunde“training“ bei Lisa und Paul nicht das Aneinanderreihen von Methoden und Regeln bedeutet hätte, sondern an den 24 Stunden am Tag, in den 7 Tagen der Woche, also an 365 Tagen im Jahr stattfindet? Mit dem eigenen, persönlichen Alltag, mit den eigenen Emotionen und Erwartungen und der ganz eigenen Umwelt. Es würde nicht Hundetraining heißen, sondern „das Leben zusammen mit Paul“. Es würde nicht (nur) um die Erziehung gehen, sondern vor allem um die Beziehung.  Paul lesen, ihn in seiner Persönlichkeit verstehen und sich selber für Paul verständlich ausdrücken, wäre eine passende Überschrift für das Miteinander gewesen. Und dabei noch seinen eigenen Standpunkt kennen, das Ziel vor Augen haben und der Fels in der Brandung sein. Alles nicht so einfach, doch so wertvoll, um einer vierbeinigen Persönlichkeit Stabilität zu vermitteln und in ein harmonisches Miteinander zu gehen.

Fernab von Methoden und Trainingsansätzen würde es jetzt erstmal um ein Kennenlernen gehen. Lisa sollte sich kennenlernen: was möchte ich? Welche Erwartungen habe ich an mich und an Paul? Und welche Erwartungen hat meine Umwelt? Müssen alle Erwartungen erfüllt werden, um glücklich zu sein? Welche Hemmprozesse, Glaubenssätze und Grundannahmen begleiten mich? Und wir würden Paul kennenlernen: was hält Paul eigentlich vom Futterbeutel? Und will er wirklich die Weltherrschaft an sich reißen, wenn er mit im Bett schläft? Tuen ihn „Grenzen setzen“ gut oder braucht er eher auflockerndes Motivieren? Welche Ideen hat im Konflikt? Wieviel Zeit braucht er, um Situationen einzuschätzen und sich wohlzufühlen? Welche Form der Unterstützung braucht Paul? Und wer ist eigentlich Paul?? (siehe auch „Jeder Hund eine eigene Persönlichkeit“)

Während ich auf dem Sofa sitze und mit meinen Hunden die von jeder Ernährungsphilosophie befreite Erdnussfliptüte teile, mache ich mir Gedanken…. Was wäre, wenn wir all die Methoden, Regeln und Lerntheorien mal aus unseren Köpfen streichen und unsere Hunde und uns mal fragen: „Was wollen wir eigentlich voneinander, miteinander und untereinander? Was braucht es, um glücklich zu sein?“, was wäre, wenn wir mehr Wert auf das Zuhören legen, statt nach Antworten zu suchen?

Vielleicht käme ein Miteinander raus, in dem wir uns verstehen.

PS.: Und warum ist das Teilen von unserem Essen mit unseren Hunden eigentlich keine eingetragene Trainingsmethode? Es gibt doch so ein schönes Gefühl von Zusammengehörigkeit <3

PS2: Diesen Artikel habe ich bereits vor dem Tod meiner beiden Hunde Oskar und Aimee geschrieben. Jetzt, wo beide so kurz nacheinander aus dem Leben gerissen wurden, wird mir immer bewusster, dass unsere Beziehung zueinander das ist, was im Herzen geblieben ist.

Vielleicht ist es Paul wichtig nicht allein zu essen? 😉

Herzliche Grüße,

Vanessa Engelstädter

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Ein Gedanke zu „Beziehung: Wer ist eigentlich Paul?

  1. Hallo Vanessa!
    Ich finde mich sehr häufig in „Lisa“ wieder! Obwohl ich schon etwas älter, besonnener und relaxter bin als sie 🙂
    Ich wollte nie den Willen meiner Hunde brechen, sie doch aber immer in ein harmonisches Miteinander lenken.
    Das war auch relativ einfach, solange mein Rudel (unkastrierte Rüden) zusammen groß geworden sind!
    Nun aber muss ich mit einer Jungdackel-/Senior-Konstellation neu lernen!
    Und JAAAA! Ich will meine Jungspunde genauso gut kennenlernen wie meinen Senior und auf ihre Bedürfnisse eingehen.
    Ich freue mich auf Hilfe und neue Sichtweisen!

    Herzliche Grüße
    Susanne mit Odin, Anton und Paulchen

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